Renaturierung und Bodenentsiegelung sind Schlüsselfaktoren bei Hochwasserschutz

Kopie von pro.earth Redaktionsvorlage NEU(825)

Langsam wird das gesamte Ausmaß der aktuellen Hochwasserkatastrophe in Ostösterreich, sowie des Wintereinbruchs und des Sturms in ganz Österreich sichtbar. Die aktuellen Hochwasser in Österreich sind ein eindringliches Warnsignal dafür, dass der Klimawandel in Kombination mit Flussverbauungen, Trockenlegungen von ehemaligen Aulandschaften, Siedlungsbau und anderen Formen der Bodenversiegelung trotz aller Schutzmaßnahmen zu sehr viel Leid und Zerstörung führt. Experten fordern daher einen passiven Hochwasserschutz in Form der vielfach heiß diskutierten „Renaturierung“ und auch durch die Entsiegelung von Böden sowie dem sofortigen Stopp weiterer Verbauung. Trotz besseren Wissens werden nach wie vor täglich viel zu viele Hektar kostbaren Bodens durch uns Menschen zubetoniert.

 

Hochwasserschutz und Ökologie gehen Hand in Hand

Ein intaktes Flusssystem ist der beste Hochwasserschutz. Die breiten, nicht begradigten Flussbetten bieten Platz zur Ausdehnung bei Extremregen. Augebiete fungieren als Schwämme, die das Wasser aufnehmen, das über die Ufer geht und schützen dadurch Siedlungen und landwirtschaftliche Flächen. Allerdings haben wir die meisten Flüsse in den letzten Jahrzehnten begradigt, dadurch die Fließgeschwindigkeit dramatisch erhöht, die Flussbetten verkleinert und den Großteil der Augebiete trockengelegt.

 

„Zwei Drittel der Auflächen in Österreich sind verschwunden“, so Stefan Schmutz, Professor für Hydroökologie an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien in ORF, „diese Auflächen waren aber genau jene, die die Hochwasser aufnehmen konnten.“ Siedlungen reichen nun viel zu nah an Flüsse heran, was mit massiven Dammbauten und anderen zu schützen versucht wurde – und vielfach auch gelang.

„Wenn ich Raum schaffe für Revitalisierungen von Flüssen, kann ich die Hochwasser vor allem im darunter liegenden Abschnitt entsprechend dämpfen“, so Schmutz. „Jeder Tropfen, der auf die Erde fällt und nicht verdunstet, im Boden gespeichert oder von Pflanzen aufgenommen wird, kommt in ein Fließgewässer. Das bedeutet: Jeder Punkt in der Landschaft ist Teil eines Fließgewässernetzes.“ Dies wiederum bedingt, dass alle Flächen, sei es Siedlungsgebiete, land- oder forstwirtschaftliche Flächen sowie Verkehrsflächen in die Betrachtung miteinbezogen werden müssen.

 

Intakter Boden fungiert als Schwamm

„Intakter Boden ist wie ein Schwamm, der Wasser aufsaugen kann. Je mehr verbaut und versiegelt wird, desto mehr verlieren wir diese überlebenswichtige Bodenfunktion. Das macht Versiegelung zum Sicherheitsrisiko, vor allem in Zeiten der Klimakrise mit häufigeren und immer stärkeren Wetterextremen“, erklärt Maria Schachinger, Bodenschutzsprecherin beim WWF Österreich. „Anstatt weiter intakten Grünraum unter Straßen, Gewerbeparks und Asphaltwüsten zu begraben, muss die Politik rasch konsequente Maßnahmen zum Erhalt und zur Wiederherstellung von Böden und Ökosystemen setzen.“

 

Eine Badewanne pro Quadratmeter

So kann ein Hektar unversiegelter Boden bis zu 2.000 Kubikmeter Wasser speichern – etwa eine Badewanne pro Quadratmeter, errechnete das Umweltbundesamt. Auf versiegelten, zubetonierten oder asphaltierten Flächen werden die Regenmassen aufgestaut und suchen sich ihren Abfluss – zum Beispiel durch Siedlungsgebiete. 

 

„Konsequente Bodenschutzmaßnahmen können das Hochwasserrisiko senken. Gleichzeitig braucht es auch Investitionen in Entsiegelung und Wiederherstellung der natürlichen Wasserspeicher, also vor allem der Flüsse, Wälder und Moore“

Maria Schachinger, WWF

 

 

Resilienz statt Renaturierung

Helmut Habersack, Professor am BOKU-Institut für Wasserbau, Hydraulik und Fließgewässerforschung, erklärt gegenüber dem ORF: „Es geht nicht um ein Zurückgehen in ein voriges Jahrhundert, sondern einer Anpassung an die jetzigen Gegebenheiten, was für den Menschen bei Hochwasser, Dürre, aber auch für die Freitzeitnutzung und eben auch für die Ökologie Vorteile bringt.“

 

„Der Begriff Renaturierung wird in der politischen Diskussion aus meiner Sicht oft verschieden interpretiert und ist auch nicht optimal“, so Habersack weiter. „Niemand kann ins 19. Jahrhundert zurückgehen – die Nutzung vor allem in Städten hat sich ja geändert, auch die Bedingungen für die Fließgewässer.“ Positive Beispiele sind die Renaturierung des Liesingbaches in Wien und der unteren Traisen in NÖ.

„Renaturierung von Flüssen bedeutet, den Verlauf zu öffnen, Schleifen oder sogar Verzweigungen zuzulassen, wo neue Ökosysteme entstehen. Bei Hochwasser habe ich dann eine breitere Fläche zur Verfügung, wo mehr Wasser reinpasst“, erklärt Margreth Keiler, Naturgefahrenforscherin an der Uni Innsbruck, dem STANDARD.

 

„Wir verwenden gerne den Begriff Resilienz: Wir brauchen Flusssysteme, die bei einem Extremwetterereignis nicht sofort extrem reagieren, sondern eine Pufferkapazität haben.“

Helmut Habersack, BOKU Wien

 

 

Hydroökologe Schmutz zum Thema: „Vor wenigen Monaten hat das Land Niederösterreich sich ganz massiv gegen das Renaturierungsgesetz ausgesprochen, bei dem es genau darum geht, die Fließgewässer auch resilienter zu machen und die Einflussgebiete extensiv zu bewirtschaften und damit die Schwammfunktion zu erhöhen, damit das Wasser besser zurückgehalten wird.“ Der Spitzname „Betonmizzi“ kommt anscheinend nicht von ungefähr …. .