Der verborgene Schatz unter unseren Füßen
Gesunde Böden haben einem großen positiven Einfluss auf Wasser, Biodiversität, Klimaschutz und Nährstoffeffizienz, wie eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG) und dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) ergeben hat. Sie belegt, dass gesunde Böden durch verbesserte Wasserspeicherung und gesteigerte Resilienz der landwirtschaftlichen Produktion eine Schlüsselrolle im Umgang mit Hochwasser einnehmen können. Gleichzeitig bietet regenerative Landwirtschaft nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bietet.
Schlüsselaussagen der Studie
- Mikroorganismen in Böden helfen im Kampf gegen den Klimawandel und sorgen für sauberes Wasser und Nährstoffe
- Durch gesunde Böden könnte die Menge an CO₂ in der Atmosphäre um rund 43 Millionen Tonnen pro Jahr verringert werden
- Eine Verbesserung der biologischen Bodenvielfalt um 1 % könnte in Deutschland einen wirtschaftlichen Wert von ca. 14 Mrd. EUR pro Jahr erzeugen
- Angesichts der aktuellen Forschungslücke sollte die Forschung über die Bedeutung von Mikroorganismen in Böden gezielt vorangetrieben werden
Gesunde Böden reduzieren die Gefahr von Hochwasser
Ein intakter Boden, der nach regenerativen Prinzipien bewirtschaftet wird, kann mehr als 100 Liter Wasser pro Quadratmeter aufnehmen und wirkt wie ein Schwamm, der Starkregen zurückhält. Dies trägt zur Reduzierung von Überschwemmungsgefahren bei, während gleichzeitig die Erträge der Betriebe stabil bleiben.
„Gesunde Böden können den Wasserhaushalt der Landschaft aktiv mitgestalten und das Risiko von Hochwasserschäden senken,“ erklärt Max Meister, Experte für Bodenpolitik beim NABU. Sie reduzieren die Spitzenbelastung von Flüssen, mindern die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen und tragen zur Grundwasserneubildung bei. Stark verdichtete oder degradierte Böden hingegen verlieren diese Fähigkeit und verstärken Hochwasserschäden – ein Phänomen, das in urbanisierten und intensiv genutzten Agrarlandschaften immer häufiger beobachtet wird. „Die ökologischen und ökonomischen Potenziale dieses Ansatzes sind enorm.“
Gesunde Böden haben ein Wertpotenzial von 14 Milliarden Euro pro Jahr
Der Einfluss gesunder Böden auf Wasser, Biodiversität, Klimaschutz und Nährstoffeffizienz hat allein in Deutschland ein Wertpotenzial von über 14 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist mehr als die Hälfte aller Umsätze, die Landwirte hierzulande 2023 mit pflanzlichen Erzeugnissen gemacht haben (24 Milliarden Euro, gemäß BMEL). Das ist ein Ergebnis der Studie „The Magic of Healthy Soil, and How to Achieve It“ der Boston Consulting Group (BCG) und dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU), die heute auf der DLD Nature in München vorgestellt wurde.
„Die Erhaltung gesunder Böden ist nicht nur eine Aufgabe für Landwirte und agrarpolitische Entscheidungsträger, sondern auch für Lebensmittelunternehmen, Lebensmittelhändler und Verbraucher.“
Zitat aus der Studie
Im Zuge der Studie wurden die Böden von mehr als 95 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland untersucht, um den Einfluss von Mikroorganismen und organischen Substanzen auf die Bodenbeschaffenheit zu analysieren. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der organischen Bodensubstanz in der obersten Bodenschicht, die 15 bis 25 Zentimeter umfasst.
Sie macht mit einem Anteil von drei bis sieben Prozent zwar nur einen kleinen Teil des Mutterbodens aus, ihre Zusammensetzung ist aber entscheidend für die Bodenqualität. Die Studie hat gezeigt, dass eine Erhöhung der organischen Bodensubstanz um nur ein Prozent über einen Zeitraum von zehn Jahren enorme Vorteile für Ökologie und Ökonomie bieten kann.
Gesunde Böden könnten die jährliche Menge der CO2-Emissionen Dänemarks speichern
„Unter unseren Füßen liegt ein verborgener Schatz – die ökologische Vielfalt des Bodens. Deren Wert für die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft wird unterschätzt. Die Verbesserung der Bodenqualität kann uns helfen, aktuellen Herausforderungen wie Klimawandel, Wasserknappheit und Biodiversitätsverlust entgegenzuwirken“, sagt Torsten Kurth, Senior Partner und Agrarwirtschaftsexperte bei der Boston Consulting Group.
Den größten Effekt hat die Bodenqualität auf den CO₂-Ausstoß, denn gesunde Böden mit ausreichender Anzahl an Mikroben können mehr Kohlenstoffe binden. Dadurch lässt sich die Menge an CO₂ in der Atmosphäre um rund 43 Millionen Tonnen pro Jahr verringern, etwa äquivalent zur jährlichen Emission Dänemarks (42,1 Millionen Tonnen Treibhausgase in CO₂-Äquivalenten im Jahr 2022, gemäß Umweltbundesamt/EEA). So entsteht ein Wertpotenzial von 9,7 Milliarden Euro pro Jahr.
Gesunde Böden können als Nährstoff- und Wasserspeicher 4,7 Mrd. EUR Wert schaffen
Auch die Nährstoffversorgung verbessert sich erheblich: Höhere Ernteerträge können jährlich einen zusätzlichen Wert von 3,2 Milliarden Euro generieren. Gleichzeitig benötigen gesunde Böden weniger synthetische Düngemittel, wodurch sich weitere 100 Millionen Euro pro Jahr einsparen lassen. Gesunde Böden können außerdem mehr Wasser speichern, was den Pflanzen hilft, mit weniger externem Wasser auszukommen und Dürreperioden besser zu überstehen. Daraus ergibt sich ein jährlicher Nutzen von weiteren 1,4 Milliarden Euro.
„Ob als Klimaschützer, Wasserspeicher oder Grundlage unserer Lebensmittelproduktion: Gesunde Böden sind die Grundlage unseres Wirtschaftens. Umso wichtiger ist es, die Vielfalt im Boden zu schützen und zu erhalten, um seine wertvollen Ökosystemleistungen auch für kommende Generationen zu sichern“, sagt NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.
Forschung in den Kinderschuhen: Nur 1 % der Mikroorganismen im Boden identifiziert
Der Boden ist allerdings bislang weitestgehend eine Blackbox, die Wechselwirkungen von Mikroorganismen und der organischen Bodensubstanz für die Qualität des Bodens sind nur wenig erforscht. Obwohl mehr als die Hälfte aller lebenden Mikroorganismen der Erde im Mutterboden zu finden sind, wurde bislang nur ein Prozent davon identifiziert. Die Forschung zur ökologischen Vielfalt des Bodens steckt noch in den Kinderschuhen. Um die Zusammenhänge zwischen ober- und unterirdischer Biodiversität besser zu verstehen, ist laut der Studienautoren eine umfassendere Datengrundlage erforderlich. Bisher fehlen jedoch einheitliche Methoden zur Bewertung der Bodengesundheit und -vielfalt. „Es ist an der Zeit, dieses wichtige Thema mehr in den Fokus zu rücken. Bislang ist das Verständnis für die komplexen Wechselwirkungen unterhalb der Oberfläche begrenzt“, erklärt Kurth.
Eine Etablierung entsprechender Methoden sowie die gezielte Förderung von Forschungsprojekten, die die biologische Vielfalt des Bodens untersuchen, könnten ebenfalls wichtige Impulse für den Schutz und die Förderung der Bodengesundheit geben. Vom Startup bis zur Agrarindustrie eröffnen sich dadurch große Wachstumschancen, etwa in der Entwicklung von Produkten, die die biologische Vielfalt des Bodens fördern. Dazu gehören beispielsweise Stoffe, die Nährstoffe und Mikroorganismen im Boden verbessern, sowie Landmaschinen, die den Boden möglichst schonend behandeln. „Gelingt es, alle relevanten Interessengruppen wie Landwirte, Unternehmen, Händler und Verbraucher für das Thema zu sensibilisieren, kann das nicht nur die nachhaltige Landwirtschaft in Deutschland verbessern, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur globalen Ernährungssicherheit und Umweltgesundheit leisten“, ist Krüger überzeugt.