Finale Runde bei weltweitem Plastikabkommen endet ohne Einigung
Die fünfte Verhandlungsrunde des UN-Plastikabkommens (INC-5) in Busan, Korea, endete nach jahrelangen Vorbereitungen gestern ohne Ergebnis. Die Verhandler der 170 teilnehmenden Länder hatten vor, einen rechtlich verbindlichen Vertrag bis Ende des Jahres zu unterfertigen, der die Plastikflut bis 2040 massiv eindämmen und die Neuproduktion von Plastik stark einschränken soll. Allerdings klafften die Positionen der Länder so weit auseinander, dass keine Einigung möglich war. Eine weitere Verhandlungsrunde ist nun erforderlich.
Keyfacts zur Plastikverschmutzung
- Mehr als 400 Millionen Tonnen werden weltweit pro Jahr produziert.
- Doch nur zehn Prozent des globalen Plastikmülls werden recycled.
- 20 Prozent landen hingegen auf fragwürdigen Deponien, ungefiltert in der Umwelt oder werden illegal verbrannt.
- Und immer mehr Plastikmüll treibt in Flüssen Richtung Ozeane.
- In allen Weltmeeren zusammen befinden sich rund 180 Millionen Tonnen Plastikmüll.
- Jedes Jahr kommen rund 11 Mio. Tonnen hinzu.
„Wir müssen dem heutigen unkontrollierten Wachstum und der Wegwerfmentalität ein Ende setzen. Auch wenn das Recycling zunimmt: Solange der Vertrag kein Ziel zur Verringerung der Plastikherstellung festlegt, wird es weiterhin nicht möglich sein, mehr als einen kleinen Bruchteil der Altprodukte zu sammeln und zu recyceln“
Michael Norton, Direktor des EASAC-Umweltprogramms
Verhandlungen sollen weitergehen
Das Ziel, mit 2025 ein international gültiges Abkommen zur Verringerung der weltweiten Plastikproduktion und dem Verbot gewisser Kunststoffproduktenund gewisser Chemikalien, ist an der Gegenwehr ölfördender Staaten und der Petrochemie gescheitert. „Wir müssen auf den erzielten Fortschritten aufbauen“, erklärte Verhandlungsleiter Luis Vayas Valdivieso am Sonntag im südkoreanischen Busan. „Es besteht allgemeine Übereinstimmung, die aktuelle Sitzung zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen, um unsere Verhandlungen abzuschließen.“ Laut Vadivieso sei es zwar „ermutigend“, dass sich auf Teile des Textes geeinigt worden sei. „Aber wir müssen auch anerkennen, dass einige kritische Punkte uns immer noch daran hindern, eine umfassende Einigung zu erzielen“, fuhr Vayas fort.
Start der (voraussichtlich) letzten Verhandlungsrunde zum Plastikabkommen
Zu Beginn der Verhandlungen 2022, als sich die Staaten erstmals darauf einigten, einen Vertrag zur Beendigung der Plastikverschmutzung zu schließen, sagte Inger Andersen, Leiterin des UN-Umweltprogramms: „Es ist eine Versicherungspolice für diese und zukünftige Generationen, damit sie mit Plastik leben können und nicht daran zugrunde gehen.“ Das Abkommen wurde alles in allem über fast zehn Jahre vorbereitet.
Vierte Runde des Plastikabkommens ohne nennenswerte Ergebnisse
Koalition von über 100 Ländern für Produktionsgrenzen
Zu den zentralen, bisher offenen Streitfragen zählt eine mögliche Obergrenze für die Plastikproduktion, wie es von einer Koalition aus über 100 gleichgesinnten Staaten – darunter die Europäischen Union, Mexiko, Panama, Ruanda und seit kurzem auch die USA – gefordert wird. Ölfördernde Staaten wie Saudi-Arabien, Iran und Russland, aber auch China und Indien hingegen hatten sich vehement gegen Produktionsgrenzen ausgesprochen – und stattdessen gefordert, dass sich das Abkommen auf eine effiziente Abfallwirtschaft fokussieren solle.
„Die Kosten für die Abfallbewirtschaftung sowie die sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Kosten belaufen sich auf Milliarden, wenn nicht Billionen von Dollar – ein Vielfaches der tatsächlichen Produktionskosten“
Der norwegische Chemiker Lars Walløe, EASAC
Greenpeace begrüßt, dass Österreich und die EU weiterhin an einem starken Abschluss der Verhandlungen festhalten. Ein starkes Abkommen muss an der Quelle ansetzen und die Plastikproduktion reduzieren. Greenpeace fordert, dass bis 2040 die Plastikproduktion weltweit um 75 Prozent sinkt.
Marc Dengler, Plastikexperte bei Greenpeace in Österreich, meint dazu in einer Aussendung: „Über hundert Länder, darunter Österreich und die EU, haben in Korea eine klare Haltung gegen die Störversuche der öl- und gasproduzierenden Länder gezeigt und weiterhin ein starkes Plastikabkommen gefordert. Wir begrüßen, dass die Verhandlungen fortgesetzt werden, statt sich unter Zeitdruck auf einen schwachen Abschluss zu einigen. Ein wirksames Plastikabkommen muss einen verbindlichen Pfad aufweisen, wie die Plastikproduktion weltweit deutlich reduziert werden kann. Ambitionierte Länder müssen mit gutem Beispiel vorangehen: In Österreich muss die nächste Bundesregierung vermeidbares Einwegplastik verbieten sowie die Mehrwegquoten deutlich erhöhen.”
Ärmere Länder tragen bis zu zehnmal höhere Kosten
Vor allem ärmere Länder zahlen den “wahren Preis” für die Auswirkungen der globalen Plastik-Krise – zu diesem Schluss kommt eine letztes Jahr veröffentlichte Studie der Beratungsfirma Dalberg im Auftrag der Umweltschutzorganisation WWF (World Wide Fund for Nature). Demnach ist die gesamte Plastik-Wertschöpfungskette – von der Gewinnung der Rohstoffe, über die Produktion, die Verwendung, die Entsorgung und Verschmutzung durch Plastikmüll – von strukturellen Schieflagen gekennzeichnet, die das weltweite soziale Ungleichgewicht befeuern.
“Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen tragen bis zu zehnmal höhere Kosten der weltweiten Plastik-Krise als reiche Industrienationen, obwohl sie pro Kopf fast dreimal weniger Plastik verbrauchen. Wir brauchen dringend ein starkes, internationales Abkommen, um diese Schieflage zu korrigieren und die Plastik-Flut zu stoppen”, erklärte WWF-Experte Axel Hein diesbezüglich.
Tödliches Plastik-Meer
Weil die Sammlung von Plastikmüll in ärmeren Ländern besonders schlecht funktioniert, landet weggeworfenes Plastik in Flüssen und schließlich in den Ozeanen – und letztlich in unserer Nahrungskette. Mittlerweile geht man von schätzungsweise rund 180 Millionen Tonnen an Plastik aus, das in den Weltmeeren treibt – mit fatalen Folgen: “Plastikstücke im Magen, tödliche Schlingen um den Hals oder chemische Weichmacher im Blut – die Auswirkungen von Plastikmüll auf Meerestiere sind unterschiedlich. Wie sich die Mikroplastik-Verschmutzung über die Nahrungskette auf den Menschen auswirkt, ist noch viel zu wenig erforscht”, warnt Hein. Schätzungen zufolge verschlucken schon heute bis zu 90 Prozent aller Seevögel und 52 Prozent aller Meeresschildkröten Plastik. Besonders hart trifft die Verschmutzung Korallenriffe und Mangrovenwälder, die zu den weltweit wichtigsten marinen Ökosystemen gehören.
