Grüner Stahl für klimaneutrale Industrie
Stahl ist ein unverzichtbarer Werkstoff der modernen Welt. Vom Brückenbau über Fahrzeuge bis hin zu Windkraftanlagen – kaum eine Infrastruktur kommt ohne ihn aus. Gleichzeitig ist die konventionelle Stahlproduktion eine der emissionsintensivsten Industrien überhaupt: Rund sieben bis neun Prozent der globalen CO₂-Emissionen entstehen in Hochöfen, die mit Koks und Kohle befeuert werden. Doch der Wandel hat begonnen. Grüner Stahl – klimafreundlich produziert mit Wasserstoff statt Kohle – entwickelt sich zur Schlüsseltechnologie für eine klimaneutrale Industrie.
Was ist grüner Stahl?
Grüner Stahl bezeichnet Stahl, der ohne fossile Brennstoffe hergestellt wird. Der zentrale Hebel dabei ist die sogenannte Direktreduktion (DRI) von Eisenerz mittels Wasserstoffes. Dieser ersetzt den konventionellen Einsatz von Koks als Reduktionsmittel im Hochofen. Statt CO₂ entsteht dabei reiner Wasserdampf – ein radikaler Umbruch in einem Prozess, der über 150 Jahre unverändert blieb.
Zudem wird bei der Weiterverarbeitung auf strombasierte Verfahren wie Elektrolichtbogenöfen gesetzt, gespeist durch erneuerbare Energien. Grüner Stahl ist also nicht nur kohlenstoffarm, sondern potenziell CO₂-frei – abhängig von der Herkunft des Stroms und des Wasserstoffs.
Pionierprojekte in Europa
Aktuelles Voestalpine-Projekt – H2FUTURE‑Pilotwerk in Linz
Voestalpine und der österreichische Energieversorger Verbund bauen ihr H2FUTURE-Mailandwerk in Linz weiter aus – ein Meilenstein in der wirtschaftlichen Umsetzung grünen Wasserstoffs. Das ursprünglich 2019 in Betrieb genommene PEM‑Elektrolysewerk mit 6 MW Leistung zählt zu den weltweit am längsten betriebenen Pilotanlagen dieser Art. Nun wird es um Kompressions-, Reinigungs- und Speichertanks erweitert – Investitionsvolumen: ca. 16 Mio €, Ziel: Dauerbetrieb und Infrastruktur für Forschung und Skalierung ab 2026.
Die Anlage liefert entscheidende Erkenntnisse zur Wasserstoffproduktionsqualität, Flexibilität in der Stromaufnahme sowie Speicherung und Nutzung, unter anderem zur Erzeugung von grünem Rohstahl im Elektrolichtbogenofen ab 2027.
Diese Entwicklung ist Teil des umfassenden greentec‑steel‑Programms von Voestalpine. Dazu gehören zwei neue Elektrolichtbogenöfen in Linz und Donawitz (geplant ab 2027), mit dem Ziel, bis 2050 Kohleöfen vollständig zu ersetzen und CO₂‑Neutralität zu erreichen.
Europa gehört zu den Vorreitern der grünen Stahlproduktion. In Schweden hat das Unternehmen HYBRIT – ein Joint Venture von SSAB, Vattenfall und LKAB – bereits seit 2020 emissionsarmen Stahl in einem Pilotmaßstab hergestellt. Erste Serienlieferungen gingen unter anderem an Volvo.
Eines der ambitioniertesten grenzkontinentalen Projekte ist Stegra, vormals bekannt als H2 Green Steel. Derzeit entsteht in Boden, Nordschweden, ein umfassendes grünes Stahlwerk auf einer Fläche von 270 Hektar. Kernelemente:
- Eine 690 MW‑Elektrolyseur‑Anlage zur Produktion von Wasserstoff aus erneuerbarem Strom.
- Direktreduktion von Eisenerz und anschließender Schmelzprozess in einem Elektrolichtbogenofen – mit bis zu 95 % weniger CO₂‑Emission gegenüber konventionellen Verfahren.
- Finanzierung in Höhe von 6,5 Mrd. €, teilweise durch einen 250 Mio. €-Zuschuss aus dem EU-Innovationsfonds, diverse Abnahmeverträge wie mit Porsche, IKEA oder Scania.
- Baustand: massive Fortschritte bei Elektrolyseur- und Hauptfertigungsanlagen, Inbetriebnahme geplant Ende 2026
Auch in Südeuropa wächst die Bewegung. In Puertollano (Spanien) wird mit „Hydnum Steel“ bis 2027 eine grüne Stahlfabrik gebaut – unterstützt von nationalen und EU-Förderprogrammen. In Österreich wiederum realisiert Voestalpine in Linz ein Pilotprojekt zur wasserstoffbasierten Direktreduktion – gemeinsam mit Rio Tinto und weiteren Partnern.
Herausforderungen und Perspektiven
Trotz technischer Machbarkeit steht der grüne Stahl noch vor einigen Hürden. Der größte Engpass ist der Zugang zu ausreichendem, kostengünstigem grünem Wasserstoff und erneuerbarer Energie. Zudem sind die Investitionskosten für neue Anlagen erheblich – was politische Unterstützung und langfristige Marktanreize notwendig macht.
Doch die Perspektiven sind vielversprechend. Die EU unterstützt grüne Stahlprojekte über den Innovationsfonds, nationale Wasserstoffstrategien und regulatorische Maßnahmen wie den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM). Auch die Nachfrage wächst: Automobilhersteller, Bauunternehmen und Konsumgütermarken suchen zunehmend nach klimafreundlichen Materialien für ihre Lieferketten.
Grüner Stahl ist mehr als eine technologische Innovation – er ist ein Symbol für die industrielle Transformation hin zu einer klimaverträglichen Wirtschaft. Europa kann in diesem Bereich eine globale Vorreiterrolle einnehmen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Damit der Wandel gelingt, braucht es jedoch nicht nur Investitionen, sondern auch gesellschaftliche Aufmerksamkeit und politischen Gestaltungswillen.
