Ringen um dringend notwendiges Plastikabkommen geht weiter

Kopie von pro.earth Redaktionsvorlage NEU(1129)

Am 5. August startet die nächste Verhandlungsrunde über einen international verbindlichen Vertrag zur Reduktion des weltweiten Plastikvorkommens. Man geht davon aus, dass sich die Plastikmenge bis 2060 verdreifachen wird, sollte sich die Staatengemeinschaft nicht einigen können. Bereits heute zählt die Verschmutzung unseres Planeten mit den verschiedensten Kunststoffarten und dem daraus resultieren Mikroplastik, das bereits in der Antarktis ebenso wie entlegensten Wüstengebieten als auch in tierischen und menschlichen Körpern nachgewiesen werden konnte, zu den drängendsten Problemen der Menschheit. 

 

Nachdem die Verhandlungen in Busan letzten November ohne Ergebnis zu Ende gingen, liegen die Hoffnungen der Menschen weltweit auf den Verhandlungen in Genf von 5. bis 14. August, wo sich die rund 170 UN-Staaten auf ein finales Abkommen einigen sollten, um die Plastikflut einzudämmen.

Finale Runde bei weltweitem Plastikabkommen endet ohne Einigung

Doch viele zentrale Fragen bleiben weiterhin offen – insbesondere in Bezug auf gefährliche Chemikalien, globale Reduktionsziele und eine faire Finanzierung. Erneut drohen die Verhandlungen am Widerstand mächtiger Staaten wie Saudi-Arabien, Russland und Iran sowie am Einfluss der Industrie zu scheitern. Diese versuchen, den Vertrag auf reine Abfallwirtschaft zu beschränken, während Lobbyist:innen der Öl- und Petrochemie auf freiwillige Scheinlösungen wie chemisches Recycling setzen.

 

Hoffnungsschimmer „High Ambition Group“

Bei der letzten Verhandlungsrunde (INC-5.1) in Busan einigten sich über 100 Staaten, die sogenannte „High Ambition Group“ – darunter auch Österreich – erstmals auf ein gemeinsames Verhandlungspaket. Es enthält zentrale Elemente für ein starkes Abkommen: verbindliche Reduktionsziele, ein Verbot gefährlicher Einwegprodukte sowie einen gerechten Finanzierungsmechanismus.

Annika Jahnke, Leiterin des „Department Exposure Science“ im Helmholtz-Zentrum in Leipzig, beschäftigt sich unter anderem mit den Effekten des Verbleibs von Plastik der Umwelt. Im Interview mit der taz erklärt sie zur Problematik:“ Jeder Staat hat Vetorecht. Auf diesen UN-Verhandlungen gilt ein Konsens-Prinzip, das heißt, alle müssen sich einigen. Hoffnungsvoll stimmt mich aber, dass inzwischen über 100 Staaten der „High Ambition-Gruppe“ beigetreten sind und ein starkes Abkommen wollen. Ich könnte mir ein zweistufiges System vorstellen. In einem Vertragsteil gibt es bindende Auflagen für alle, in einem anderen Teil optional stärkere Regulierungen für ambitionierte Staaten. Die schlechteste Variante wäre ein schwacher Vertrag, der nur den Status Quo absichert.“

 

Wir brauchen Obergrenzen

Jahnke sieht als dringendstes Ziel der Genfer Verhandlungen die „Obergrenze der Neuproduktion.“ Im Interview mit der taz erklärt sie:“Wenn wir jetzt nicht eingreifen, wird nach Vorhersagen 2060 dreimal so viel Plastik produziert wie heute. Schon die heutigen Mengen haben negative Effekte auf Umwelt und Gesundheit. Das Plastik im Meer zersetzt sich zu problematischen, kleinsten Teilchen, die von Lebewesen aufgenommen werden und Zusatzstoffe in die Umwelt abgeben. Einmal im Meer können wir dieses Plastik nicht zurückholen.“

Efekte auf unsere Gesundheit

WWF Deutschland hat gemeinsam mit der Universität Birmingham veschiedene Forschungsstudien zusammengefasst und kamen zu dem Schluss, dass deren Ergebnisse auf Zusammenhänge zwischen giftigen Plastikzusätzen wie Phthalaten, Bisphenolen, PFAS und schweren Erkrankungen – wie Entwicklungsstörungen im Kindesalter, Unfruchtbarkeit, Krebs, Stoffwechselerkrankungen, Erkrankungen der Atemwege sowie des Herz- und Kreislaufsystems –  hinweisen, wenngleich der Beweis der Kausalität schwierig sei.

„Die Evidenz, dass Mikro- und Nanoplastik sowie zugesetzte Chemikalien die menschliche Gesundheit über verschiedene Organsysteme hindurch beeinflussen, nimmt zu. Es ist von ernstzunehmenden gesundheitlichen Risiken auszugehen, denn es zeigt sich eine flächendeckende Belastung. Auch wenn noch Wissenslücken bestehen, ist die Last der wissenschaftlichen Beweislage so erdrückend, dass hier das Vorsorgeprinzip zur Anwendung kommen muss.”, erklärt Professor Dr. Stefan Krause, Ecohydrology and Biogeochemistry, University of Birmingham.

 

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, WWF oder auch Ocean Care fordern seit Jahren ein verbindliches weltweites Abkommen mit bindenden Obergrenzen bei der Herstellung von sogenanntem Primärplastik, den Schutz vor gefährlichen in Kunststoffen verwendeten Chemikalien, die Reduktion von Mikroplastik, das Verbot von Einwegprodukten sowie einen gerechten Finanzierungsmechanismus.

Madeleine Drescher, Konsumsprecherin bei Greenpeace: „Jetzt ist der Moment, um die Plastikflut endlich zu stoppen. Wir brauchen ein Abkommen, das den Mut hat, die Ursachen anzugehen und nicht nur Symptome zu bekämpfen. Freiwillige Schritte oder Scheinlösungen wie chemisches Recycling feuern die Krise nur an und lösen nicht das Problem. Wenn die Staaten jetzt nicht handeln, verspielen sie eine historische Chance und lassen Menschen und Umwelt in Bergen von Plastikmüll zurück.“

 

Unser pro.earth Fazit:

Jedem vernünftig denkenden Menschen muss klar sein, dass wir dieses Problem nur gemeinsam in den Griff bekommen können und dass es dringend ist, eine Lösung zu finden. Und dennoch sind bisher alle Versuche an den nationalen Interessen einzelner daran gut verdienender Staaten gescheitert. Wie tragisch. Die Idee einen Zwei-Stufen-Modells erscheint uns daher für den Moment wie ein Lichtblick um aus der schwierigen Situation doch mit einer  – ersten – Lösung auszusteigen.

 

Link

Offizielle UN-Site zu Plastikabkommen in Genf (UNEP INC 5.2)