Nachhaltig Reisen Folge 4: Spreewald – Natur zwischen Fließen, Kähnen und Kultur
Foto ©️Vagn Olsen
Wo die Landschaft das Tempo bestimmt – und die Stille ein Erlebnis ist
Knapp 100 km südöstlich von Berlin beginnt eine andere Welt. Eine Welt aus Wasserarmen, Erlenwäldern, Wieseninseln und kleinen Dörfern, die wie lose Perlen an einem Netz aus Fließen aufgereiht sind. Der Spreewald, ein UNESCO-Biosphärenreservat, ist eine der eigenwilligsten Landschaften Deutschlands – geformt vom Wasser, bewahrt durch Kultur, und durchzogen von einem fein verzweigten Netz an Wegen, die man mit dem Kahn statt mit dem Auto erkundet.
Was den Spreewald so besonders macht, ist seine stille Kraft. Hier geht es nicht um spektakuläre Ausblicke, sondern um das leise Erleben – Paddel für Paddel, Weg für Weg. Und um die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit nichts Künstliches sein muss, sondern ganz einfach Teil des Alltags sein kann.
Anreise & Mobilität – Wasser statt Autobahn
Wer in den Spreewald reist, sollte das Auto ruhig zu Hause lassen – denn die Region ist hervorragend an den öffentlichen Verkehr angebunden:
- Mit der Bahn nach Lübben, Lübbenau, Vetschau oder Burg (Spreewald) – von dort führen Radwege, Wanderwege und Kahnlinien weiter.
- In vielen Orten stehen Fahrräder, E-Bikes oder Paddelboote zum Verleih bereit.
- Statt Autos fahren Kähne mit Staken, lautlos und emissionsfrei – die traditionelle Fortbewegungsart der Region.
Einmal angekommen, bewegt man sich hier am besten entschleunigt – zu Fuß, auf dem Wasser oder mit dem Rad. Die Wege sind flach, gut ausgebaut und führen durch eine Landschaft, in der Mobilität wieder Teil des Naturerlebnisses ist

Übernachten im Rhythmus der Natur
Im Spreewald übernachtet man oft auf Wassergrundstücken, in alten Höfen, reetgedeckten Häusern oder modernen Biohotels – viele davon engagieren sich aktiv für Umwelt- und Kulturschutz.
Empfehlenswerte Unterkünfte:
- Bleiche Resort & Spa in Burg – mehrfach ausgezeichnet für nachhaltiges Gesamtkonzept, CO₂-arm, regionale Küche
- Spreewald Thermenhotel – eigene Energieversorgung, Bio-Materialien, GreenBuilding-Standards
- Öko-Campingplätze oder private Unterkünfte mit eigener Solaranlage und Regenwassernutzung
Besonders beliebt: Spreewaldhäuser am Wasser, oft mit eigenem Kahnsteg und Kräutergarten, geführt von Familien mit langjähriger Verbindung zur Region.
Aktivitäten – Leise, lokal, landschaftsnah
Im Spreewald geht es nicht um Höhe, sondern um Tiefe – der Natur und der Geschichte. Die Möglichkeiten zur Erkundung sind vielfältig, aber stets im Einklang mit der Umgebung:
- Paddeltouren auf den Fließen – durch stille Auenwälder, vorbei an Dörfern und Wiesen
- Wanderungen und Radtouren auf dem Gurkenradweg, Lutherweg oder durch das Storchendorf Dissen
- Naturführungen mit Ranger:innen zu Themen wie Moor, Biodiversität, Vogelwelt und Klimawandel
- Besuch im Freilandmuseum Lehde oder im Sorbischen Kulturzentrum – tiefer Einblick in die Lebensweise der slawischen Minderheit
Ein echtes Highlight: Kahnfahrten bei Nacht – fast lautlos durch mondbeschienene Kanäle, mit Geschichten der Fährleute über Mythen, Sagen und das alte Leben im Spreewald.
Regionale Küche – Natürlich konserviert
Die Spreewaldgurke ist mehr als eine Delikatesse – sie ist Symbol einer Kultur, die Konservierung und Nachhaltigkeit schon kannte, bevor es modern wurde.
Neben ihr prägen andere regionale Spezialitäten das kulinarische Bild:
- Quark mit Leinöl, frisch aus der Region
- Fisch aus naturnaher Teichwirtschaft, etwa Zander, Schleie oder Hecht
- Wildkräutersalate, Waldpilze, Sorbischer Borschtsch, Streuselkuchen mit Sanddorn
Viele Betriebe arbeiten mit Demeter- oder Bioland-Zertifizierung, Gasthöfe kochen mit Zutaten vom eigenen Feld oder aus dem Dorf. Nachhaltigkeit und Regionalität sind hier keine Extras – sie sind Normalität.
Nachhaltigkeitsfaktor – gewachsene Verantwortung
Der Spreewald ist seit 1991 ein UNESCO-Biosphärenreservat – mit einem klaren Ziel: Naturschutz und nachhaltige Entwicklung zusammenbringen. Der Tourismus wird dabei bewusst gesteuert:
- Keine Großhotels, keine Freizeitparks, sondern dezentrale, lokal eingebundene Angebote
- Besucher:innenlenkung über digitale Tourenplanung, Umweltbildung und zertifizierte Führungen
- Pflege der traditionellen Kulturlandschaft, z. B. durch nachhaltige Teichwirtschaft und extensive Wiesenbewirtschaftung
- Klimaanpassungsprojekte, z. B. zur Wiedervernässung von Mooren oder CO₂-Reduktion durch nachhaltige Mobilität
Besonders engagiert ist die Region auch in Sachen Umweltbildung und Jugendbeteiligung – etwa mit Kinderkahnfahrten, Schulprojekten oder der Ausbildung von Naturbotschafter:innen.
Fazit – Zwischen Wurzeln und Wasser
Der Spreewald ist ein Ort, der nicht verändert werden will – sondern bewahrt. Und genau darin liegt seine Kraft. Hier zeigt sich, wie eine über Jahrhunderte gewachsene Lebensweise Antworten geben kann auf Fragen unserer Zeit: Wie viel Natur brauchen wir? Wie viel Kultur? Und wie finden wir das richtige Maß?
Wer im Spreewald Urlaub macht, reist nicht nur langsam – sondern tiefgründig. Und kehrt mit einem neuen Blick auf das Leben zurück.
Mehr Informationen: https://www.spreewald.de/ – Bild von Vagn Olsen
Nächste Folge:
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