EU-Klimaziele 2040: Mittelmaß statt Führungsrolle
Nach langem Ringen haben sich die EU-Umweltminister:innen auf ein Klimaziel 2040, und zwar ein Minus von 90 Prozent im Vergleich zu 1990 geeinigt. Allerdings können die Mitgliedsstaaten 5% ihrer Emissionen mit mehr Klimaschutzzertifikaten ausgleichen. Deren Wirksamkeit wird vielfach skeptisch gesehen. In einem offen Brief plädierten Ende Oktober 2.000 europäische Wissenschaftler:innen für eine Reduktion der Emissionen von 90-95% , um die Klimaneutralität 2050 erreichen zu können.
Wichtige Inhaltspunkte auf einen Blick
- Bis 2040: Minus 90% Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 sowie
- Maximal 5% der Emissionsreduktion können durch Anrechnung internationaler Zertifikate erreicht werden – streng genommen sind es also nur 85 % Emissionseinsparungen
- Klimaschutzbeitrag der EU für 2035 für COP 30: Bis 2035 sollen die Emissionen in der EU um 66,25-72,5 Prozent sinken.
- Ab 2036 dürfen schrittweise bis zu 5% der Minderung in der gesamten EU auch über die Anrechnung hochwertiger, internationaler Zertifikate erreicht werden.
- Ab 2031 kann ein Pilot für einen internationalen Markt für hochqualitative Zertifikate initiiert werden. Die Kommission soll zudem prüfen, ob auch die Mitgliedstaaten die Möglichkeit erhalten sollen, einen geringen Teil ihrer nationalen Klimaschutzverpflichtungen aus dem EU-Klimaschutzrecht im Zeitraum nach 2030 über internationale Gutschriften zu erreichen.
- Der neue Emissionshandel für die Bereiche Gebäude und Verkehr (ETS II) soll ein Jahr später als zunächst geplant im Jahr 2028 starten – dies bedeutet, dass der CO2-Ausstoß von Autos und und Heizungen erst 2028 in Rechnung gestellt werden soll.
Mit dem Ratsbeschluss ist der politische Rahmen gesetzt – nun müssen die EU-Institutionen im sogenannten Trilog mit dem Europäischen Parlament verhandeln. Das Parlament hatte sich in früheren Abstimmungen bereits für ambitioniertere Vorgaben ausgesprochen. Die endgültige Fassung des Klimaziels wird voraussichtlich im Laufe des Jahres 2026 beschlossen.
Offener Brief von 2.000 Wissenschaftler:innen: „Existenzielle Notwendigkeit“
Bereits am 21. Oktober 2025 hatten mehr als 2.000 Wissenschaftler:innen aus ganz Europa in einem offenen Brief an die EU-Führung gewarnt, die Klimaziele dürften nicht durch „Rechentricks oder Kompensationen“ aufgeweicht werden. Darin rufen viele renommierte Wissenschaftlerinnen wie die Klimaforscher Hans-Otto Pörtner, Gottfried Kirchengast, Helga Kromp-Kolb und der Ökologe Franz Essl dazu auf, wieder auf die Wissenschaft zu hören und an den Pariser Klimazielen festzuhalten.
Sie sehen in der „Netto-Reduzierung der Treibhausgase (THG) um 90 % bis 95 % im Vergleich zum Niveau von 1990 nicht nur eine politische Entscheidung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit, um die Zukunft Europas zu sichern und das Leben der Menschen angesichts des zunehmend hohen Risikos der Überschreitung kritischer Kipppunkte zu schützen.“
Klimaschutz bringt viele Vorteile
Unter dem Titel „Climate Neutrality Is Europe’s Greatest Economic Opportunity“ erklären sie, dass externe Emissionsgutschriften nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden sollten. Desweiteren wird betont, dass Klimaschutz eine wirtschaftliche Chance für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit darstelle, über 2 Millionen neue Jobs schaffe, Einsparungen bis zu Zweidrittel der Energiekosten mit sich bringe und die Abhängigkeit von autokratischen Staaten verringere.
„Zu viele Schlupflöcher“
Klimaschützer:innen und Umweltverbände begrüßten die Einigung grundsätzlich, warnten aber vor „zu vielen Schlupflöchern“ und einem „faulen Kompromiss“. So könnten die geplanten Flexibilitäten etwa im Verkehrs- und Gebäudesektor die reale Emissionsminderung hinauszögern. Auch die Anrechnung internationaler CO₂-Kredite wird kritisch gesehen, da sie oft schwer nachprüfbar seien.
Der WWF Österreich bewertet den heutigen Beschluss der Umweltministerinnen und -Umweltminister zum EU-Klimaziel 2040 als „faulen Kompromiss”. Denn die versprochene Emissionsreduktion von 90 Prozent bis 2040 gegenüber dem Ausgangsjahr 1990 wird durch mehrere Tricks und Klauseln verwässert. „Die Politik ermöglicht teure Schlupflöcher und Scheinlösungen wie Zertifikatskäufe. Dazu kommen neue Einfallstore für Bremser und Blockierer, um echten Klimaschutz zu verhindern”, sagt WWF-Klimasprecher Reinhard Uhrig.
Als „Irrweg” bewertet Uhrig die geplante Nutzung von internationalen Offsets, um das 2040-Ziel zu erreichen. „Das ist potenziell sehr teuer und in der Praxis großteils wirkungslos. Laut Studien reduzieren nur 16 Prozent dieser Kompensationsprojekte tatsächlich Emissionen. Stattdessen sollte es eine wirksame Klima- und Naturschutz-Offensive in Europa geben”, sagt Reinhard Uhrig vom WWF.
Greenpeace spricht von einem „schlechten Kompromiss“, denn die Zusatzvereinbarungen höhlen das Ziel aus. So sollen ganze fünf Prozent der Treibhausgase nicht in der EU eingespart, sondern mit Zertifikaten billig aus dem Ausland mit fragwürdiger Wirkung eingekauft werden, Greenpeace weiter. Die eingefügte Revisionsklausel führe dazu, dass das Klimaziel in Zukunft abgeschwächt werden könne.
Branchenverbände fordern hingegen „mehr Übergangsfristen und finanzielle Unterstützung“, um Wettbewerbsnachteile gegenüber Regionen mit weniger strengen Klimazielen zu vermeiden.
„Mittelmaß statt Führungsrolle“: EU- Klimabeitrag für COP 30
Bereits im September hätte die EU ihre Klimaziele für 2035 an die UN in Vorbereitung der nächste Woche stattfindenen UN-Weltklimakonferenz in Belém, Brasilien, vorlegen sollen. Dieser wurde nun im Zuge der Klimaziel 2040-Debatte ebenfalls festgelegt. Allerdings konnten sich die Umweltminister:innen nicht auf eine verbindliche Zahl einigen, sondern nur auf eine Spanne zwischen 66 und 72 Prozent.
„Für den Klimamusterschüler EU nur eine mittelmäßige Leistung. Sie zeigt auch, wie unterschiedlich die 27 Länder beim Klimaschutz inzwischen ticken. Polen und Frankreich gehen die Klimaziele zu weit. Spanien dagegen, das in den vergangenen Jahren immer wieder unter großer Hitze und Überschwemmungen zu leiden hatte, stimmte dem Kompromiss zähneknirschend zu.“, schreibt dazu die tagesschau.
WWF Österreich kritisiert das Ergebnis als ambitionslos. „Damit begnügt sich die EU mit Mittelmaß, anstatt ihrer globalen Führungsrolle für echten Klimaschutz gerecht zu werden”, sagt Reinhard Uhrig vom WWF.
Links:
Pressemitteilung des Deutschen Bundesumweltministeriums (BMUK)
Offener Brief 21.10.2025 „Climate Neutrality is Europe’s Greatest Economic Opportunity“