Unterwasser-“Stürme” lassen antarktische Gletscher abschmelzen
Neuer Forschungsschwerpunkt im Fokus
Eine aktuelle Studie mit dem Titel „Ocean submesoscales as drivers of submarine melting within Antarctic ice cavities“ veröffentlicht in *Nature Geoscience“ zeigt, dass unter den Eisschelfen der Region der Thwaites Gletscher und des Pine Island Gletscher im westlichen Teil der Antarktis sogenannte submesoskalige Strömungen („Unterwasser-Stürme“) eine bedeutende Rolle beim Abschmelzen von unten spielen.
Diese Strömungen haben eine Skala von wenigen Kilometern (1–10 km) und treten über Stunden bis Tagen auf – deutlich schneller als früher untersuchte saisonale Prozesse.
Wie funktionieren diese Prozesse?
- Warme Tiefen- oder Schelfwasser strömt an Stellen unter die Eisschelfen, wo der Meeresboden oder Rinnen dies zulassen.
- Dort erzeugen die submesoskaligen Strömungen Turbulenz und starker Wärmeaustausch: Das warme Wasser wird unter die Eisschelfunterseite gezogen und sorgt für Schmelze von unten.
- Zusätzlich wird ein Feedback-Mechanismus identifiziert: Mehr Schmelze erzeugt größere Hohlräume und verändert durch Frischwasserzufluss die Dichte- und Strömungsverhältnisse – das fördert wiederum stärkere Turbulenz und damit noch mehr Basisschmelze.
- Die Studie zeigt, dass solche kurzzeitigen Ereignisse – im Gegensatz zu jahreszeitlichen Schwankungen – signifikant zur Gesamtmenge des Abschmelzens beitragen können.
Warum ist das relevant?
- Basisschmelze (also das Abschmelzen von unten an der Kontaktfläche Eis-Wasser) schwächt die zirkulierende Struktur der Eisschelfen, wodurch Gletscher schneller ins Rutschen geraten können.
- Solche Prozesse beschleunigen den Abfluss von Eis in das Meer und erhöhen damit die Geschwindigkeit des globalen Meeresspiegelanstiegs.
- Die Erkenntnis, dass Abschmelz-Mechanismen nicht nur langsam und saisonal, sondern auch episodisch und turbulent ablaufen, verändert Modellannahmen zur Stabilität von Eisschelfen und deren zukünftiger Entwicklung.
Herausforderungen und offene Fragen
- Obwohl die Studie diesen neuen Mechanismus klar herausarbeitet, bleibt unklar, wie groß der Anteil solcher Ereignisse am gesamten Abschmelzen ist — es wird geschätzt, dass sie „einen Schlüsselbeitrag“ leisten, aber genaue Werte fehlen.
- Die Untersuchungen konzentrieren sich bislang auf bestimmte Regionen – insbesondere Westantarktis, Amundsen-Meer-Becken. Ob diese Prozesse in gleicher Weise in anderen Teilen der Antarktis oder unter anderen geologischen Bedingungen auftreten, muss erforscht werden.
- Modelle müssen noch stärker diese kurzzeitigen, turbulenz- und strömungsgetriebenen Prozesse einbeziehen – bisher überwogen Prozesse über Monate/Jahre.
Bedeutung für Klimapolitik und Kommunikation
Für die Plattform pro.earth bedeutet diese Forschung folgende Implikationen:
- Es ist wichtig, nicht nur langfristige Trends zu betrachten, sondern auch kurzzeitige dynamische Prozesse – das erhöht das Verständnis für Risiken und Übergänge im Eis-Ozean-System.
- Für den öffentlichen Diskurs sollte herausgestellt werden, dass die Antarktis nicht nur „langsam schmilzt“, sondern auch durch schnelle episodische Prozesse destabilisiert wird – das kann das Verständnis für Dringlichkeit erhöhen.
- Für wissenschaftliche Kommunikation und Bildung: Visualisierungen solcher Unterwasser-Stürme, Modelle, Animationen könnten helfen, ein ansonsten abstraktes Thema greifbarer zu machen.
Conclusio
Ja: Es stimmt, dass sogenannte Unterwasser-“Stürme” unter antarktischen Eisschelfen eine reale und bedeutende Rolle beim Abschmelzen von unten spielen. Diese Entdeckung erweitert unser Verständnis der Mechanismen, die zur Abschmelze großer Eismassen beitragen und verdeutlicht, wie komplex und dynamisch der Eis-Ozean-Interaktionsprozess ist. Für Klimaschutz, Modellierung und Risikoabschätzung ist dieser Mechanismus ein wertvoller neuer Fokus.
Quellen
Poinelli, M., Siegelman, L. & Nakayama, Y., „Ocean submesoscales as drivers of submarine melting within Antarctic ice cavities“, Nature Geoscience, 18. November 2025.
„Undersea ‘Storms’ Are Melting Antarctic Glaciers from Below“, Scripps Institution of Oceanography News, November 2025.
„UC Irvine Researchers Link Antarctic Ice Loss to ‘Storms’ at the Ocean’s Subsurface“, UCI News, 18. November 2025.