Neue Erkenntnisse über Zustand des Klimasystems

Der neue Jahresbericht „10 New Insights in Climate Science“ der Forschungsnetzwerke Future Earth, The Earth League und des World Climate Research Programme (WCRP) fasst die bedeutendsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Monate zusammen. Die zentrale Botschaft: Die Belastungsgrenzen des globalen Klimasystems werden zunehmend sichtbar, während gesellschaftliche und ökologische Verwundbarkeiten weiter zunehmen. Der Bericht soll politischen Entscheidungsträgern Orientierung bieten, ist jedoch ebenso relevant für Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft.

 

Der diesjährige Bericht, der von mehr als 70 führenden Wissenschaftlern aus 21 Ländern erstellt wurde, unterstreicht, dass fast jedes größere Klimarisiko auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist – das Versäumnis, die Emissionen in der erforderlichen Geschwindigkeit und Größenordnung zu reduzieren.

Natürliche Kohlenstoffsenken – Wälder, Böden und Ozeane – werden schwächer und absorbieren weniger Emissionen als erwartet. Dadurch könnten aktuelle Emissionsprognosen falsch sein und gleichzeitig droht die Gefahr, dass sich die globale Erwärmung beschleunigt.

„Unser Ozean hat den Planeten lange Zeit vor den vollen Auswirkungen des Klimawandels geschützt. Aber steigende Emissionen und die zunehmende Erwärmung bringen die Schutzkapazitäten von Ozean und Land an ihre Grenzen“, sagte Wendy Broadgate, Global Hub Director bei Future Earth und Redaktionsmitglied des Berichts.

Der Klimawandel beschleunigt den Verlust der biologischen Vielfalt, und der Verlust der biologischen Vielfalt schwächt die Fähigkeit der Ökosysteme, das Klima zu regulieren. Die Wissenschaft zeigt, dass die Lösung einer Krise die Lösung beider Probleme bedeutet. Andernfalls geraten beide in einen gefährlichen Teufelskreis.

Das Wohlergehen und die Sicherheit der Menschen leiden bereits unter den Folgen des Klimawandels. Die Ausbreitung von Krankheiten wie Dengue-Fieber, die Unsicherheit aufgrund sinkender Grundwasserspiegel und wirtschaftliche Verluste durch sinkende Arbeitsproduktivität schaden direkt der Gesundheit, den Lebensgrundlagen und der Sicherheit der Menschen.

 

Hier die 10 Insights im Überblick:

1. Temperaturrekordwerte und beschleunigter Erwärmungstrend

Die globale Durchschnittstemperatur hat in den Jahren 2023 und 2024 neue Höchststände erreicht. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass die gegenwärtige Erwärmung stärker ausfällt, als allein durch den natürlichen Wechsel zwischen El-Niño- und La-Niña-Phasen erklärbar wäre. Die Erdoberfläche nimmt derzeit mehr Energie auf, als sie abstrahlt; einige Forschende sehen darin Hinweise auf eine mögliche Beschleunigung des Erwärmungstrends.

2. Erwärmung der Ozeane und Verlust mariner Stabilität

Die Meere sind ein zentraler Puffer des Klimasystems. Doch sie erwärmen sich schneller als zuvor beobachtet, und marine Hitzewellen treten häufiger und intensiver auf. Diese Entwicklungen beeinträchtigen marine Ökosysteme, setzen Korallenriffe weiter unter Druck und verringern die Fähigkeit der Ozeane, CO₂ und überschüssige Wärme aufzunehmen.

Quelle: Future Earth (Frank Radosevich)

3. Natürliche Kohlenstoffsenken geraten an ihre Grenzen

Terrestrische Ökosysteme – insbesondere Wälder, Böden und Feuchtgebiete – verlieren zunehmend an Kapazität, Kohlendioxid aufzunehmen. Große Waldökosysteme wie der Amazonas zeigen Anzeichen nachlassender Resilienz. Dieser Trend gefährdet einen der wichtigsten natürlichen Mechanismen zur Stabilisierung des Klimas.

4. Biodiversitätskrise verstärkt Klimarisiken

Artenverlust und Klimawandel verstärken sich gegenseitig. Wenn Ökosysteme geschwächt werden, verlieren sie nicht nur ihre biologische Vielfalt, sondern auch ihre Funktion als Klimaregulatoren. Der Bericht betont, dass die Biodiversitätskrise nicht losgelöst betrachtet werden kann: Sie wirkt direkt zurück auf Klima, Wasserkreisläufe und landwirtschaftliche Produktivität.

5. Grundwasser wird weltweit knapper

Die Kombination aus steigenden Temperaturen, veränderten Niederschlagsmustern und intensiver landwirtschaftlicher Nutzung führt zu sinkenden Grundwasserspiegeln. Besonders betroffen sind Regionen, die ohnehin von Wasserstress geprägt sind. Wasserknappheit wird damit zu einer der drängendsten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.

 

„Die im Bericht „10 New Insights“ zusammengefassten Erkenntnisse machen deutlich, dass niemand vor den Auswirkungen des Klimawandels gefeit ist – seine Folgen sind global, miteinander verknüpft und bereits vor unserer Haustür angekommen.“

Kristie Ebi, Professorin für globale Gesundheit an der University of Washington und Redaktionsmitglied des Berichts

 

6. Gesundheitliche Risiken durch neue Klimabedingungen

Durch wärmere Temperaturen breiten sich krankheitsübertragende Insekten wie die Dengue-Mücke in Gebieten aus, die bisher nicht betroffen waren. Dies erhöht das Risiko von Infektionskrankheiten, insbesondere in dicht besiedelten Regionen und Städten. Gesundheitssysteme müssen sich deshalb zunehmend auf klimabedingte Gefährdungen einstellen.

7. Wirtschaftliche Auswirkungen durch Hitzestress

Steigende Temperaturen haben direkte Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität. Besonders in Außenberufen, der Landwirtschaft und dem Baugewerbe wird Arbeit immer häufiger gesundheitlich riskant oder nur eingeschränkt möglich sein. Dies gefährdet die wirtschaftliche Stabilität in betroffenen Regionen und kann zu erheblichen Wohlstandsverlusten führen.

8. Grenzen von Kohlenstoffentfernung und Kompensationsstrategien

Der Bericht macht deutlich, dass sich die Ziele des Pariser Abkommens ohne eine Ausweitung der CO2-Abscheidung und -Speicherung (CDR) nicht erreicht werden können. Allerdings sollte diese Ausweitung nicht „um jeden Preis“ erfolgen. Es müssen aktive Maßnahmen und Schutzvorkehrungen getroffen werden, um soziale, wirtschaftliche und ökologische Kompromisse und unbeabsichtigte Folgen so gering wie möglich zu halten.

Dabei unterscheiden die Autoren zwischen „herkömmlichen“ CDR-Methoden, die Aufforstung/Wiederaufforstung und Waldbewirtschaftungspraktiken sowie Wiedervernässung umfassen, und „neuartigen“ Methoden wie Bioenergie mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (BECCS), direkte Luftkohlenstoffabscheidung und -speicherung (DACCS), verstärkte Verwitterung, Kohlenstoffmineralisierung und Biokohle, die technisch machbar sind, aber noch nicht in großem Maßstab eingesetzt werden.

9. Fehlende Integrität auf Kohlenstoffmärkten

Schwache regulatorische Rahmenbedingungen, unklare Standards und fehlende Überwachung haben dazu geführt, dass viele Kompensationsprojekte des Handels mit Emissionszertifikaten kaum Klimawirkung entfalten. Ohne internationale Regelwerke und transparente Qualitätsstandards drohen Carbon Markets falsche Sicherheit zu vermitteln und dringend benötigte Emissionssenkungen aufzuschieben.

10. Gebündelte Maßnahmenpakete sind wirksamer

Sorgfältig konzipierte Kombinationen politischer Maßnahmen sind oft wirksamer als Einzelmaßnahmen und führen zu größeren Emissionsminderungen, so die Autor:innen. Wechselwirkungen zwischen den Instrumenten können Synergien, aber auch Kompromisse hervorrufen, was die Notwendigkeit unterstreicht, Überschneidungen und Rebound-Effekte zu berücksichtigen.

Die Autor:innen schlußfolgern, dass Maßnahmenkombinationen, die eine CO2-Bepreisung oder reduzierte Subventionen für fossile Brennstoffe beinhalten, größere Emissionsminderungen erzielen können als solche, die sich ausschließlich auf beliebte nicht preisbasierte Instrumente stützen. Selbst ein moderater CO2-Preis könne die Kosteneffizienz der Maßnahmenkombination erheblich verbessern.

 

Bedeutung für die Klimapolitik

Alle Erkenntnisse führen zu einer klaren Schlussfolgerung: Es bleibt keine Zeit mehr für schrittweise Veränderungen. Die aktuelle Erwärmungsdynamik, die Überlastung natürlicher Systeme und die wachsenden Risiken für Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheit verlangen tiefgreifende und sofortige Reduktionen der globalen Treibhausgasemissionen.

 

Der Bericht betont die Notwendigkeit eines integrierten Ansatzes: Emissionsreduktionen, Schutz natürlicher Ökosysteme, Anpassungsstrategien und robuste politische Strukturen müssen gemeinsam gedacht werden. Nur durch systemische Transformation – insbesondere in Energie, Landwirtschaft, Landnutzung und Industrie – lässt sich der beschleunigte Trend stoppen oder zumindest abschwächen.

 

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