Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel hat massiv zugenommen

Anhand einer parlamentarischen Anfrage der Grünen zum Thema Pestizidverwendung in Österreich wurde bekannt, dass seit 2010 die Flächen, die mit chemischen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, massiv zugenommen und sich die Behandlungsintensität „gefährlicher Wirkstoffe“ verdoppelt hat. Dies ergab eine Auswertung der Verkaufszahlen aller 300 in Österreich eingesetzten Wirkstoffe, die das Landwirtschaftsministerium erstmals offenlegte, durch GLOBAL2000.

 

Die Berechnungen von GLOBAL 2000 zeigen: Die pestizidbehandelte Fläche ist zwischen 2010 und 2024 von rund 6,2 Millionen Hektar auf 7,5 Millionen Hektar (entspricht einer Steigerung um mehr als 20 Prozent) gestiegen. Dieser Anstieg ist vor allem auf die zunehmende Verwendung chemisch-synthetischer Pestizide zurückzuführen – und hier insbesondere auf Wirkstoffgruppen, die als besonders problematisch eingestuft werden:

  • Substitutionskandidaten – also „gefährlichere Wirkstoffe“, die laut EU-Recht durch risikoärmere Alternativen ersetzt werden sollen – haben ihre Behandlungsintensität seit 2010 verdoppelt. Diese Substitutionskandidaten enthalten Wirkstoffe, die etwa als reproduktionstoxisch (fortpflanzungsgefährdend) oder als mutagen (erbgutverändernd) eingestuft werden.

 

  • PFAS-Pestizide – deren Abbauprodukt TFA (Trifluoracetat) eine extrem persistente Ewigkeitschemikalie darstellt und Trinkwasser sowie Lebensmittel belastet – haben sich in der Anwendung nahezu verdreifacht.

 

  • 3 Wirkstoffe machen zusammen 35% aller Anwendungen aus:
    • Difenoconazol und Cypermethrin ( beide sind Substitutionskandidaten)
    • Tefluthrin ist ein PFAS-Pestizid. Sein Abbauprodukt TFA zählt zu den extrem persistenten „Ewigkeitschemikalien“ und belastet bereits heute Trinkwasserressourcen und pflanzliche Lebensmittel in weiten Teilen Europas. So wurde in einer aktuellen Studie TFA europaweit in Getreideprodukten wie Brot, Baguette, Pasta und Frühstücksflocken nachgewiesen, wobei 80% der Proben über dem zugelassenen Grenzwert bei TFA lagen.

 

Umweltfolgen: Belastete Böden, Gewässer und Ökosysteme

Die zunehmende Nutzung chemisch-synthetischer Pestizide zeigt messbare ökologische Effekte:

  • Böden verlieren mikrobiologische Vielfalt, was ihre Fähigkeit zur Regeneration, Wasserspeicherung und CO₂-Bindung beeinträchtigt.
  • Oberflächen- und Grundwasser verzeichnen saisonal erhöhte Rückstände bestimmter Pestizide und ihrer Abbauprodukte
  • Die Artenvielfalt schrumpft: Insbesondere Insekten reagieren empfindlich auf Neonicotinoide und ähnliche Wirkstoffe, die Nahrungsnetze destabilisieren.
  • Studien aus alpinen Regionen zeigen, dass Rückstände selbst in höher gelegenen Tälern nachweisbar sind – weit entfernt von den eigentlichen Einsatzflächen.

 

Gesundheitsrisiken für Menschen

  • Während Behörden betonen, dass Lebensmittel meist unter gesetzlichen Grenzwerten liegen, weisen Fachleute auf aktuelle Studien, die das Gegenteil aufzeigen, hin
  • Landwirtschaftliche Beschäftigte sind besonders betroffen und Wirkstoffen häufig mehrfach ausgesetzt – über Hautkontakt, Einatmen und Aerosole.
  • Einige Wirkstoffe gelten als neurotoxisch oder hormonell wirksam, was insbesondere für Kinder, Schwangere und vulnerable Gruppen relevant ist.
  • PFAS-Substanzen können sich im Körper anreichern und stehen u.a. mit Störungen des Immunsystems, erhöhter Krebswahrscheinlichkeit und Fertilitätsproblemen in Verbindung.

 

Warum steigt der Einsatz trotz Kritik?

Der Anstieg hat mehrere strukturelle Ursachen. Dazu zählen u.a.:

a) Wirtschaftlicher Druck

Viele Betriebe stehen unter starkem Konkurrenzdruck, besonders im Obst-, Wein- und Gemüsebau. Hohe Qualitätsanforderungen im Handel begünstigen intensiven Pflanzenschutz.

b) Klimawandel

Häufigere Feuchtperioden und neue Schädlingspopulationen erhöhen den Befallsdruck – oftmals wird mit chemischen Mitteln gegengesteuert.

c) Verzögerte Umsetzung von EU-Regularien

Österreich setzt manche EU-Vorgaben langsamer um als andere Staaten, was den fortgesetzten Einsatz älterer, risikoreicher Wirkstoffe erlaubt. Prinzipiell will die EU im Rahmen ihrer  „Vom Hof auf den Tisch“-Strategie (auch „Farm to fork“-Strategie)  bis 2030 den Einsatz und das Risiko von chemischen Pflanzenschutzmitteln sowie von Pflanzenschutzmitteln mit höherem Risiko halbieren.

Positionen in der Debatte

Umweltorganisationen

  • Fordern mehr Transparenz, ein Auslaufen hochriskanter Wirkstoffe und eine stärkere Förderung biologischer Landwirtschaft.
  • Betonen, dass Österreichs Ökosysteme – besonders sensibel im Alpenraum – bereits stark belastet sind.

Landwirtschaft

  • Verweist auf die Notwendigkeit, Erträge zu sichern und Verbraucherpreise stabil zu halten.
  • Kritisiert, dass Alternativen wie mechanische oder biologische Verfahren nicht in jedem Sektor ausreichend verfügbar sind.

Forschung und Behörden

  • Raten zu einer Risikokontrolle statt einer reinen Mengenbegrenzung: Entscheidend sei, welche Stoffe eingesetzt werden und wie sie wirken.
  • Empfehlen umfassendere Monitoringprogramme für Böden, Gewässer und PFAS-Rückstände.

 

Wege aus der Sackgasse: Lösungsansätze

Mehrere Strategien gelten als vielversprechend:
• Förderung integrierter Landwirtschaft, die mechanische, biologische und chemische Methoden sinnvoll kombiniert.
• Intensivere Forschung zu klimaresistenten Sorten und natürlichen Pflanzenschutzstoffen.
• Verschärfung der PFAS-Regularien auf EU-Ebene.
• Aufbau transparenter Datenbanken über Einsatz und Risikobewertung für Gemeinden und Bürgerinnen und Bürger.