Geoengineering verlässt die Theorie: Programme, Budgets und reale Experimente
Geoengineering wird nicht mehr nur modelliert, sondern getestet. Zwar weiterhin im kleinen Maßstab, aber erstmals mit staatlicher Finanzierung und privatem Kapital. Zwei Entwicklungen sind zentral: das britische Exploring Climate Cooling Programme und eine wachsende Zahl von US- und EU-Startups im Bereich Solar Radiation Management (SRM).
Staatlich finanziert, bewusst klein: Was Großbritannien konkret testet
Das britische Exploring Climate Cooling Programme wurde 2023 aufgelegt und ist mit rund 10 Millionen Pfund für eine erste Phase ausgestattet. Finanziert wird es über staatliche Forschungsbudgets, koordiniert durch nationale Wissenschaftsorganisationen. Das Programm fördert mehrere parallele Projekte, darunter:
– Marine Cloud Brightening: Tests zur gezielten Aufhellung maritimer Wolken, um ihre Rückstrahlfähigkeit zu erhöhen
– Aerosol-Grundlagenforschung: Untersuchung von Partikelgrößen, Lebensdauer und Wechselwirkungen in der Atmosphäre
– Mess- und Governance-Experimente: Wie lassen sich Effekte, Risiken und Nebenwirkungen überhaupt zuverlässig erfassen?
Die Größenordnung ist entscheidend: Die Experimente bewegen sich im Bereich von Gramm bis Kilogramm Material, nicht Tonnen. Zum Vergleich: Ein theoretisch klimawirksames SRM-Szenario würde mehrere Millionen Tonnen Aerosole pro Jahr erfordern. Das britische Programm ist damit explizit kein Klimainterventionsprojekt, sondern ein Wissens- und Kontrolltest.
Politisch relevant ist weniger die Technik als das Signal: Ein G7-Staat akzeptiert Geoengineering als legitimes Forschungsfeld mit realen Freilandexperimenten.
Venture-Logik statt Vorsorgeprinzip: Zahlen zu US- und EU-Startups
Parallel agieren private Akteure mit völlig anderer Logik. Mehrere Geoengineering-Startups in den USA und Europa haben seit 2022 zweistellige Millionenbeträge eingesammelt. Öffentliche Berichte sprechen von 60–75 Millionen US-Dollar Venture-Kapital für SRM-nahe Ansätze.
Typische Merkmale dieser Initiativen:
– Einsatz von Wetterballons oder Drohnen zur Partikelfreisetzung
– Fokus auf Stratosphäre (20–30 km Höhe), da dort Partikel länger verbleiben
– Kaum veröffentlichte Peer-Review-Daten, geringe Transparenz
– Keine internationale Genehmigungsstruktur
Ein bekanntes Beispiel ist Make Sunsets, das bereits reale Ballonstarts durchgeführt hat. Die freigesetzten Mengen sind zwar minimal, der Präzedenzfall ist es nicht. Erstmals entscheidet ein privates Unternehmen eigenständig über Eingriffe in atmosphärische Prozesse.
Ökonomisch ist das Modell fragil: Selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass ein global wirksames SRM-System jährlich zweistellige Milliardenbeträge kosten würde, zuzüglich permanenter Betriebskosten. Ein Abbruch nach Beginn würde innerhalb weniger Jahre zu einem rapiden Temperaturanstieg führen (Termination Shock).
Zahlen zur Wirkung – und zur Illusion der Kontrolle
Klimamodelle zeigen, dass SRM theoretisch 0,5–1,0 °C Erwärmung kompensieren könnte. Gleichzeitig bleiben zentrale Risiken ungelöst:
– Regionale Niederschlagsverschiebungen (Monsune, Dürregebiete)
– Keine Wirkung auf CO₂-Konzentration, Ozeanversauerung bleibt bestehen
– Abhängigkeitseffekt: Einmal gestartet, kaum kontrollierbar beendbar
– Governance-Problem: Kein globales Mandat, keine Haftungsregeln
Der Kontrast ist klar: Während staatliche Programme Millionen investieren, um Risiken zu verstehen, investieren private Akteure Millionen, um schneller handlungsfähig zu sein. Beides passiert gleichzeitig, ohne verbindlichen internationalen Rahmen. Das ist der kritische Punkt. Geoengineering ist nicht mehr hypothetisch, aber auch nicht beherrschbar. Die aktuellen Zahlen zeigen keine technische Lösung, sondern eine wachsende Diskrepanz zwischen Machbarkeit, politischer Kontrolle und globaler Verantwortung.
