WWF-Studie: Unser Schoko-Hunger treibt Entwaldung in den Tropen massiv voran

Kopie von pro.earth Redaktionsvorlage NEU(1297)

Ostern ist Hochsaison für Schokolade. Was Schokohasen und Pralinen mit der Zerstörung der Wälder zu tun haben, zeigt eine aktuelle WWF-Studie: Der konventionelle Kakaoanbau trägt zur massiven Zerstörung der Tropenwälder bei und verlagert sich immer stärker in neue, bislang weitgehend intakte Waldgebiete. In den wichtigsten Kakao exportierenden Ländern Elfenbeinküste, Ghana und Kamerun gehen mittlerweile 60 Prozent der durch Agrarrohstoffe verursachten Waldverluste auf den Kakaoanbau zurück.

Hintergrund dieser Entwicklung: Kakao gedeiht besonders gut auf frisch gerodeten Waldböden, doch die Fruchtbarkeit lässt schnell nach, Erträge sinken und viele Kleinbauern sehen sich gezwungen, neue Flächen zu erschließen. So verschiebt sich der Anbau immer weiter in unberührte Wälder – ein Muster, das sich seit Jahrzehnten wiederholt.

Allein in Liberia gingen zwischen 2021 und 2024 rund 2,5 Millionen Hektar Wald verloren, wovon 15 Prozent direkt auf den Kakaoanbau zurückzuführen sind. Und laut WWF richtet sich der Blick zunehmend auf das Kongobecken mit dem zweitgrößten Regenwald der Erde und eines der artenreichsten Ökosysteme. In Kamerun, wo die Entwaldung lange Zeit gering war, nimmt der Waldverlust mit der Ausweitung des Kakaoanbaus inzwischen deutlich zu. Allein im Jahr 2023 wurden dort 103.000 Hektar Primärwald zerstört – ein historischer Höchstwert.

In klassischen Kakaoanbauländern wie Ghana und der Elfenbeinküste ist der Rückgang des Urwalds enorm. So ging in der Elfenbeinküste das Regenwaldgebiet von 12 Millionen Hektar im Jahr 1960 auf unter 3 Millionen Hektar 2021 zurück. Der Kakaoanbau hat maßgeblich dazu beigetragen. So stammt schätzungsweise 40 Prozent des Kakaos dieser Länder aus illegalem Anbau in geschützten Waldgebieten und Nationalparks.

Auch Indonesien zählt zu den großen Kakao-, aber auch Palmölproduzenten. Dort wurde ein Viertel (25 Prozent) des Regenwaldes allein durch Kakaoplantagen ersetzt. Hinzukommen gerade in Indonesien Palmöl-Monokulturen, für die seit 1990  mehr als 25 Millionen Hektar Wald zusätzlich gerodet wurden.

Die zunehmende Entwaldung und das damit verbundene Artensterben in diesen Ländern treibt den Klimawandel voran und macht den Kakaoanbau bereits jetzt und zukünftig schwerer. Daher sollte der Fokus auf einen entwaldungsfreien Kakaoanbau gelegt werden. Dies kann durch sogenannte Agroforstsysteme, die wesentlich nachhaltiger sind als reine Monokulturen, erreicht werden. Weiters stellt die konventionelle Produktion mithilfe großer Pestizid- und Düngemmitteleinsätze durch viele Kleinbauern, deren Existenz direkt mit dem Anbau verbunden ist und die oft unter unzumutbaren Bedingungen arbeiten, ein großes Problem dar.  Der Großteil der Wertschöpfung bleibt den internationalen Konzernen. Die Kleinbauern verdienen oft nicht genug, um ihre Familien zu ernähren. Gerade in Westafrika arbeiten Kinder oft auf den Kakaoplantagen mit um zu dem Familieneinkommen beizutragen.

“Kinder- und Zwangsarbeit und sehr niedrige Bezahlung sind nach wie vor große Probleme. Waldzerstörung für Kakao-Anbauflächen schaden wiederum indigenen und anderen lokalen Gemeinschaften”, so Gudrun Glocker von Südwind. “Dagegen können auch wir in Europa etwas tun: Die EU-Entwaldungsverordnung soll verhindern, dass Produkte in Zusammenhang mit Waldzerstörung auf den europäischen Markt kommen. Sie steht aber gerade massiv unter Beschuss vieler Mitgliedsländer. Österreich muss sich hier endlich seiner Verantwortung bewusst werden.”

 

Unser Schokoladekonsum basiert auf Regenwaldzerstörung

Wir tragen zur Entwaldung bei, indem wir Produkte konsumieren, die durch die Rodung von Regenwäldern entstanden sind.

„Beim Blick auf die Schokolade wird deutlich, wie direkt unser Konsum in Deutschland und Europa mit der globalen Waldzerstörung verknüpft ist. Diese Verantwortung müssen wir ernst nehmen“, fordert Johannes Zahnen, Referent für Forstpolitik beim WWF Deutschland. „Das ist ein politisches Problem, was wir nicht auf die Verbraucher abwälzen können. Wir brauchen klare und verbindliche Regeln, damit Produkte, die wir importieren, nicht zur Waldzerstörung beitragen. Die EU-Waldschutzverordnung EUDR ist genau dafür gemacht. Sie muss so schnell wie möglich ohne weitere Verwässerungen umgesetzt werden.“

 

Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) sollte Abhilfe schaffen

Die EUDR verpflichtet Unternehmen erstmals verbindlich dazu, nachzuweisen, dass Kakao und andere Rohstoffe nicht mit Entwaldung in Verbindung stehen. Durch vollständige Rückverfolgbarkeit bis zur Anbaufläche soll sie für entwaldungsfreie Lieferketten sorgen und freiwillige Selbstverpflichtungen durch überprüfbare Regeln ersetzen. Laut WWF liegt das auch im Interesse von Unternehmen, Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie der Herkunftsländer: Die Verordnung sorgt für faire Wettbewerbsbedingungen, reduziert Risiken und garantiert, dass Produkte im EU-Markt nicht zur Waldzerstörung beitragen.

Dass es auch so kommt, ist allerdings alles andere als sicher: Aktuell befindet sich die Verordnung in einem Revisionsprozess. Wegen des Drucks mehrerer Mitgliedstaaten, insbesondere seitens der deutschen Bundesregierung, muss die EU-Kommission bis Ende April einen neuen Vorschlag mit Erleichterungen vorlegen.

 

Heimische Agrar- und Forstlobby gegen EUDR

Die diskutierten Änderungswünsche lassen laut WWF Schlimmes befürchten: „Getrieben von Teilen der heimischen Forst- und Agrarlobby droht die EUDR gerade unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus zerlegt zu werden“, kritisiert Johannes Zahnen. „Werden die bekannten Pläne umgesetzt, droht die Verordnung nahezu wirkungslos zu werden, weil die Produkte und Rohstoffe nicht mehr bis zum Herkunftsort zurückverfolgt werden könnten. Der wichtigste Hebel zum Stopp der Entwaldung würde damit entfallen.“

Wie wenig das Bürokratie-Argument trägt, zeigt ein offener Brief vom April 2024: Darin bekräftigen 120 Organisationen und Genossenschaften aus Ghana und der Elfenbeinküste – die mehr als 700.000 Klein-Kakaobauern vertreten – ihre Unterstützung für die EUDR. Trotz begrenzter Einkommen und technischer Ressourcen bereiten sie sich aktiv auf die Waldschutzverordnung vor und begreifen sie als ‚Chance für nachhaltige Lieferketten‘ – während die deutsche Forst- und Agrarlobby über angebliche Überforderung klagt.

Wird die EUDR konsequent und sozial gerecht umgesetzt – begleitet von fairen Preisen, Unterstützung für Kleinbauern und Investitionen in nachhaltige Anbausysteme – könne sie den Anreiz zur Rodung neuer Wälder wirksam reduzieren, so die Umweltorganisation. Der WWF warnt davor, das Gesetz abzuschwächen oder weiter zu verzögern. Nur eine starke und verbindliche Waldschutzverordnung kann verhindern, dass sich die Entwaldung weiter verlagert und die letzten großen Regenwälder unter Druck geraten, so die Umweltschützer:innen.

 

Link

Studie „FROM PAST TO FUTURE: HOW BUSINESS-ASUSUAL COCOA DRIVES FOREST LOSS AND WHAT WE CAN DO“