Streuobstwiesen sind stark gefährdete Hotspots der Artenvielfalt

Kopie von pro.earth Redaktionsvorlage NEU(1302)

Strukturreiche, extensiv gepflegte Streuobstbestände mit Altbäumen, Totholz und offenen Bodenstellen sind Schlüsselräume für die Insektenvielfalt. Auch für Säugetiere und Vögel sind sie essenzielle Rückzugsorte. Eine aktuelle Studie unter Beteiligung der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien konnte mithilfe von Satellitenbildern und dem Einsatz von KI festhalten, dass nur mehr 10 Prozent der im Jahr 1930 festgehaltenen Streuobstflächen vorhanden sind. Davon sind fast Zweidrittel in einem sehr schlechten Pflegezustand sowie fehlendem Nachwuchs. Somit ist der Fortbestand dieses Kulturguts und der damit  einhergehenden Artenvielfalt gefährdet.

 

Das Forschungsprojekt DivMoSt liefert richtungsweisende Erkenntnisse zu Bedeutung und Zustand der österreichischen Streuobstwiesen. Der nun vorliegende Endbericht zeigt, dass Streuobstwiesen Hotspots der Artenvielfalt in Österreich sind.

Im Projekt wurden Felderhebungen auf Streuobstwiesen verteilt über ganz Österreich durchgeführt. Die Ergebnisse unterstreichen die enorme ökologische Bedeutung dieser Lebensräume: „Insgesamt konnten wir auf den untersuchten Flächen 321 Insektenarten nachweisen. Die dokumentierten 225 verschiedene Bienenarten machen etwa 1/3 der österreichischen Bienenfauna aus. Zusätzlich zeigen die 65 Tagfalterarten und die 31 Heuschreckenarten die enorme Relevanz von Streuobstflächen“ erklärt Sophie Kratschmer, Entomologin am Institut für Zoologie der BOKU University. Besonders bemerkenswert ist das Vorkommen von streng geschützten Schmetterlingsarten wie dem Großen Feuerfalter oder dem Schwarzen Apollo.

Das Fledermausforschungsteam dokumentierte 23 der aktuell 31 in Österreich nachgewiesenen Fledermausarten, was die Bedeutung dieses Landschaftstyps als Jagd- und Quartierlebensraum für diese streng geschützte Artengruppe unterstreicht. „Streuobstwiesen bieten durch ihre Mischung aus Wald und Offenland ideale Lebensräume für viele Fledermausarten. Unsere Daten belegen, dass hier sowohl gefährdete Arten der Kulturlandschaft wie die in Österreich vom Aussterben bedrohte Große Hufeisennase, als auch Spezialisten alter Laubwälder, etwa die Bechsteinfledermaus und Nymphenfledermaus, anzutreffen sind“, so Markus Milchram von der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung in Österreich.

Bei Freilandkartierungen wurden zudem 114 Vogelarten erfasst. Charakteristische Bewohner wie der Wiedehopf, der Wendehals oder der Gartenrotschwanz finden in den Baumhöhlen alter Obstbäume sowie auf extensiv bewirtschafteten Wiesen ideale Nist- und Nahrungsbedingungen.

„Streuobstwiesen sind sehr wichtige Lebensräume für unsere heimische Vogelwelt. Wir konnten auf den untersuchten Flächen etwa die Hälfte der in Österreich regelmäßig vorkommenden Brutvogelarten nachweisen. Besonders Arten, die auf Höhlen in alten Bäumen angewiesen sind – wie etwa die stark gefährdete Zwergohreule – finden in alten, strukturreichen Streuobstwiesen hervorragende und oft dringend benötigte Lebensräume.“

Eva Schöll vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU

 

Insgesamt wurden in den Streuobstflächen

      • 24 % der österreichischen Heuschreckenarten,
      • 30 % der Tagfalterarten und
      • 32 % der Bienenarten sowie
      • rund 50% der regelmäßig in Österreich brütenden Vogelarten und
      • 74% der für Österreich bekannten Fledermausarten

nachgewiesen.

Dramatischer Rückgang und gravierende Pflegedefizite

Trotz des unschätzbaren Wertes für die Natur ist die Streuobstkultur stark bedroht. Wurden im Jahr 1930 österreichweit noch rund 35 Millionen Streuobstbäume gezählt, schrumpfte der Gesamtbestand bis zum Jahr 2020 auf etwa 4,2 Millionen Bäume.

Die aktuellen Kartierungen decken zudem die Probleme der verbliebenen Streuobstbestände auf: Auf 68 Prozent der untersuchten Flächen konnten keine oder zu wenige Nachpflanzungen festgestellt werden. Ebenso besorgniserregend ist der Pflegezustand: 63 Prozent der Bäume in den untersuchten Beständen werden nicht oder unzureichend gepflegt. In Kombination mit den Folgen des Klimawandels, die unter anderem zu einer Ausbreitung der immergrünen Mistel beiträgt, sind dies insgesamt bestandsbedrohende Entwicklungen.

 

Um in Zukunft gezielte Schutzmaßnahmen steuern zu können, hat das Forschungsteam eine innovative Methode zur exakten und flächendeckenden Verortung von Streuobstbeständen entwickelt. Das Computermodell greift auf Monitoringflächen vor Ort und österreichweit verfügbare, digitale Oberflächen- und Geländemodelle zurück, um potenzielle Obstbäume aufzuspüren.

 

Die Forschungsarbeiten wurden in einer Kooperation mehrerer Institute der BOKU University, der Bundesanstalt für Wein und Obstbau Klosterneuburg und dem Ingenieurbüro Holler durchgeführt sowie vom Verein Streuobst Österreich organisatorisch unterstützt. Finanziert wurde das Projekt durch den Biodiversitätsfonds des Bundesministeriums (BMLUK) und die Europäische Union (NextGenerationEU).

 

Link

Projekt auf BOKU Seite

DivMoSt-Endbericht bei Streuobst.at