Greenpeace-Report: Halb Europa hat keinen Zugang zu öffentlichen Verkehrsverbindungen
Fehlende Bus- und Bahnverbindungen schneiden 56 Prozent der europäischen Bevölkerung vom Nahverkehr ab. Das zeigt die neue Studie “Access Denied” (“Zugang verweigert”) des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace Mittel- und Osteuropa. Das liegt vor allem an fehlenden Angeboten, zu teuren Preisen und fehlender Barrierefreiheit. Bei den Ergebnissen wird deutlich, wie unterschiedlich Mobilitätsarmut erlebt wird. Frauen und Senioren etwa meiden öffentliche Verkehrsmittel viel häufiger, weil sie sich darin unsicher fühlen oder deren Nutzung für sie körperlich zu anstrengend ist.
Innerhalb der untersuchten Länder geben bis zu 56 Prozent der Menschen an, Busse, Bahnen oder andere öffentliche Verkehrsmittel nicht zu nutzen, weil sie in ihrem Wohnumfeld nicht verfügbar sind. Besonders betroffen von Mobilitätsarmut sind unter anderem Menschen mit geringem Einkommen, ältere Menschen und Frauen.
Deutschland mit deutlichster Verschlechterung bei erzwungenem Autobesitz
Die fehlenden Alternativen zwingen bis zu 19 Prozent der europäischen Bevölkerung zum Besitz eines Autos, obwohl ein PKW für sie eine zu hohe finanzielle Belastung darstellt. Der Anteil dieser Betroffenen, die bei alltäglichen Ausgaben wie Lebensmitteln oder Heizen sparen müssen, um mobil zu bleiben, ist in Deutschland zwischen 2018 und 2024 mit zwei Prozent am stärksten gestiegen. In der Mehrzahl der 30 untersuchten europäischen Länder sank der Anteil im Betrachtungszeitraum.
„Mobilitätsarmut entsteht dort, wo Verkehrsmittel nicht verfügbar, nicht bezahlbar, nicht zugänglich oder im Alltag nicht ausreichend nutzbar sind. Für eine sozial ausgewogene und klimafreundliche Verkehrspolitik ist es deshalb entscheidend, die Ursachen und betroffenen Gruppen genau zu betrachten.“
Nelly Unger, Projektleiterin am Öko-Institut
Frauen und Senioren meiden ÖPNV aus Sicherheitsbedenken häufiger
Österreichs ländlicher Raum besonders betroffen
In Österreich zeigen sich die Mängel besonders im ländlichen Raum. Greenpeace fordert einen massiven Ausbau der öffentlichen Verkehrsangebote in ganz Österreich.
Das Stadt-Land-Gefälle im öffentlichen Nahverkehr zeigt sich in Österreich besonders deutlich. Fast 28 Prozent bemängeln am Land zu seltene Verbindungen, unpassende Fahrpläne oder schlichtweg fehlende öffentliche Optionen. In Städten sind es hingegen nur 1,5 Prozent der Bevölkerung. Zudem sind zu lange ÖPNV-Fahrtzeiten im ländlichen Raum deutlich öfter ein Grund für die Abhängigkeit vom eigenen Auto als im europäischen Vergleich. Das führt dazu, dass immer mehr einkommensarme Haushalte an anderen lebensnotwendigen Dingen sparen, um sich ein Auto leisten zu können. 2024 betraf das bereits drei Prozent der Österreicher:innen. Das sind mehr als alle Einwohner:innen von Linz und Klagenfurt zusammen.
Ursachen von Mobilitätsarmut sind vielfältig
Mobilitätsarmut beschreibt eine Situation, in der Einzelpersonen oder Haushalte nicht das Maß an Mobilität erreichen können, das für gesellschaftliche Teilhabe notwendig ist. Dazu gehört der Zugang zu Arbeitsplätzen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, sozialen Kontakten und weiteren grundlegenden Dienstleistungen.
Die Studie untersucht Mobilitätsarmut anhand von elf Indikatoren für bis zu 33 europäische Länder, darunter alle EU-Mitgliedstaaten. Im Mittelpunkt stehen vier Dimensionen:
- die Verfügbarkeit von Verkehrsangeboten,
- die Zugänglichkeit wichtiger Dienstleistungen,
- die Bezahlbarkeit von Mobilität sowie
- die Angemessenheit und Nutzbarkeit von Mobilitätsoptionen.
Neben fehlender Verfügbarkeit spielen auch Kosten eine Rolle. In einzelnen europäischen Ländern nutzen bis zu sechs Prozent der Bevölkerung öffentliche Verkehrsmittel nicht, weil sie zu teuer sind. Bis zu 15 Prozent nutzen sie zwar, empfinden die Kosten jedoch als starke finanzielle Belastung.
Wenn Millionen Menschen in Europa abgehängt sind von Bus und Bahn, dann zeigt das ein systematisches Versagen der Verkehrspolitik. Wie teuer die Abhängigkeit von einem Verbrenner-Pkw ist, erleben Menschen derzeit schmerzhaft mit der Tankquittung. Ein gut ausgebauter, bezahlbarer öffentlicher Verkehr macht den Alltag für viele günstiger, sichert gesellschaftliche Teilhabe und stärkt die Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen. Wenn die Bundesregierung jetzt über Entlastungen diskutiert, gehören Bus und Bahn ins Zentrum der Überlegungen.
Marissa Reiserer, Greenpeace-Mobilitätsexpertin
Öffentlichen Verkehr attraktiver und zugänglicher machen
Die Studie leitet mehrere Ansatzpunkte ab, um Mobilitätsarmut zu verringern. Dazu gehören bessere regionale Anbindungen, dichtere Taktung, bedarfsgerechte Fahrpläne, barrierefreie Infrastruktur sowie mehr Sicherheit an Haltestellen und in Fahrzeugen, etwa durch Beleuchtung, Notrufsysteme oder klare Meldewege bei Vorfällen.
Auch gezielte finanzielle Entlastungen können dazu beitragen, Mobilität zugänglicher zu machen. Die Studie nennt unter anderem Sozialtickets, bezahlbare Abo-Optionen oder kostenfreie Angebote als mögliche Instrumente, insbesondere für vulnerable Gruppen.
„Europa braucht Verkehrssysteme, die soziale Teilhabe ermöglichen und zugleich klimafreundlich sind“, betont Dr. Viktoria Noka, Expertin für die soziale Energie- und Mobilitätswende am Öko-Institut. „Dafür muss der öffentliche Verkehr attraktiver werden – etwa durch bezahlbare Tarife, bessere regionale Planung, mehr Sicherheit und Barrierefreiheit.“
Link
Vollständiger Report „Acces denied: Transport Poverty in Europe“ (englisch)
