„Reimagine“: Ozeane vor Ausbeutung und Zerstörung schützen
Der Tag der Ozeane am 8. Juni feiert die blaue Welt, die rund 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt und steht diesmal unter dem Motto „Reimagine“. Damit wollen die UN die Menschheit zum Neu- und Umdenken auffordern. Statt die Ozeane einzig als Ressourcenquelle zu nutzen und sie damit immer weiter zu zerstören, soll die Menschheit sie vor Ausbeutung und Zerstörung bewahren, so der Appell der Vereinten Nationen.
Ohne die Meere gibt es kein Leben auf der Erde, doch unsere Lebensgrundlage ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die Ozeane sind zu heiß und zu sauer, sie leiden unter Verschmutzung und Übernutzung durch den Menschen und das Artensterben schreitet massiv voran. Ein Ausweg aus der Misere ist trotzdem in Sichtweite. Wegweisende internationale Abkommen könnten die Meere in Zukunft besser schützen.
Gesunde Meere sind unverzichtbar
Die Ozeane bedecken über 70 Prozent des Planeten. Sie sind eine unverzichtbare Lebensquelle für das Überleben auf der Erde: Ohne lebendige Meere gibt es kein Leben an Land, doch die Kraft der Ozeane ist erschöpft, sie wanken.
- Meeresorganismen wie Phytoplankton, Seegräser oder Mangroven produzieren rund 50 Prozent des atmosphärischen Sauerstoffs.
- Wissenschaftler schätzen, dass etwa 3,2 Milliarden Menschen für ihre Versorgung mit tierischem Protein wesentlich auf Nahrung aus dem Meer und damit unmittelbar auf funktionierende Meeresökosysteme und gesunde Fischbestände angewiesen sind.
- Noch können die Weltmeere etwa 30 Prozent unserer CO₂-Emissionen aufnehmen.
- Die Ozeane regulieren Wetter und Klima der Erde.
- Küsten und Meere sind Sehnsuchts- und Erholungsraum für viele Millionen Menschen.
- Ökosysteme wie Korallenriffe, Mangrovenwälder und Seegraswiesen sind unverzichtbar für den Küstenschutz. Sie können unsere Küsten vor verheerenden Fluten und vor Erosion schützen – wenn sie intakt sind.
- Die biologische Vielfalt der Meere, speziell die der Tiefsee, ist unvergleichlich und noch weitgehend unerforscht.
Ozeane als Klimaschützer
Wie wichtig gesunde Ozeane sind, wird häufig unterschätzt. Denn Meere sichern nicht nur Lebensräume, Nahrung und wirtschaftliche Grundlagen – sie spielen auch eine entscheidende Rolle für das Klima. Umweltwissenschaftler Björn Suckow:
„Die Ozeane funktionieren wie eine natürliche Klimaanlage. Sie speichern große Mengen Wärme und leisten einen entscheidenden Beitrag für das Leben auf der Erde: Rund die Hälfte des Sauerstoffs entsteht im Ozean – vor allem durch Phytoplankton, mikroskopisch kleine Algen und andere photosynthetisch aktive Organismen. Wenn wir aus dem Meer Nahrung und Energie gewinnen wollen, brauchen wir gesunde Meere.“
Die Ozeane leisten jedoch nicht nur einen wichtigen Beitrag für Sauerstoffproduktion und Klimaregulierung – sie nehmen auch große Mengen des von Menschen verursachten Kohlendioxids auf und bremsen damit die Folgen des Klimawandels mit ab. „Der Ozean puffert einen Teil unseres CO2-Ausstoßes ab“, erklärt Suckow. „Das hilft kurzfristig – gleichzeitig verändert sich dadurch aber auch das Meer.“ Die steigende Aufnahme von Kohlendioxid trägt dazu bei, dass Ozeane saurer werden. Das kann langfristig marine Lebensräume belasten – etwa Organismen mit Kalkschalen wie Muscheln oder bestimmte Krebstiere. Für Suckow ist deshalb klar: „Wenn wir gesunde Meere erhalten wollen, brauchen wir konsequenten Klimaschutz.“
Belastungsgrenzen erreicht oder überschritten
Dem Trio aus Klimakatastrophe (steigende Meerestemperaturen und Meeresspiegel, Versauerung), Überfischung (Vernichtung der Artenvielfalt, Fischereimüll- und Geisternetzproblematik) und Vermüllung (Plastikabfälle, hochgiftige Substanzen, kommunale und landwirtschaftliche Abwässer) können die Meere heute nicht mehr viel entgegensetzen.
Mittlerweile ist sogar ihre Produktionskapazität für lebenspendenden Sauerstoff gesunken. Von 1960 bis 2019 büßten die Weltmeere mehr als zwei Prozent ihres Sauerstoffgehalts ein. Tendenz steigend. Gleichzeitig verdoppelte sich weltweit die Zahl der Todeszonen ohne Sauerstoff in Küstengebieten von 1960 bis 2007 auf mehr als 500. Auch die CO₂-Speicherkapazität der Meere geht weltweit zurück.

Ozeanische Kipppunkte
Die Ozeane sind Schauplatz schwerwiegender, vom Menschen ausgelöster Krisen. Auf die dramatischen Folgen für das Leben auf der Erde macht der UN-Welttag der Ozeane aufmerksam.
- Klimawandel
- Biodiversitätsverluste: Sechstes Massenaussterben der Erdgeschichte (Überfischung, Korallensterben)
- Lebensraumzerstörung (Küstenbaumaßnahmen, Sand– und Kiesabbau)
- Meeresverschmutzung (Plastikmüll, Überdüngung, Umweltgifte, Lärm, Öl, Hafenschlick)
- Übertourismus, Kreuzfahrttourismus
- Tiefseebergbau
„Leider hat man die Bedeutung der Ozeane für das Leben auf der Erde erst spät erkannt. Die Übernutzung mariner Ressourcen der zurückliegenden Jahrzehnte darf so nicht weitergehen, denn die Menschheit vernichtet dabei auch ihre eigene Lebensgrundlage. Gemeinsam mit unseren Partnern arbeiten wir für den Erhalt lebendiger Ökosysteme und der Artenvielfalt.“
Biologe Ulrich Karlowski, Deutsche Stiftung Meeresschutz

Schutz der Meere funktioniert nur gemeinsam
In den letzten Jahren hat es die Weltgemeinschaft geschafft, unglaublich wichtige Abkommen zum Schutz der Meere auf den Weg zu bringen.
- Das BBNJ-HochseeschutzabkommenDas UN-Hochseeschutzabkommen macht unter anderem erstmalig den Weg für Meeresschutzgebiete auf der Hohen See frei. Der 17. Januar 2026 markierte einen historischen Meilenstein für den Meeresschutz. Nach über 20 Jahre dauernden Verhandlungen trat das UN-Hochseeschutzabkommen (High Seas Treaty/BBNJ-Abkommen) in Kraft.Erstmals einigte sich damit ein großer Teil der Weltgemeinschaft auf einen völkerrechtlich verbindlichen Rahmen zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der Biodiversität in Gebieten außerhalb nationaler Zuständigkeit (Biodiversity Beyond National Jurisdiction/BBNJ), auch Hohe See genannt.
- Die Biodiversitätskonvention – CBDDas Hochseeschutzabkommen verschafft dem im Dezember 2022 in Montreal von der Biodiversitätskonvention (Übereinkommen zur biologischen Vielfalt, Convention on Biological Diversity/CBD) verabschiedeten 30-×-30-Ziel die notwendige Durchschlagskraft. Das Weltnaturabkommen sieht vor, 30 Prozent der weltweiten Meeresfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen.Um das sechste globale Massenaussterben aufzuhalten und der Zerstörung von Lebensräumen entgegenzuwirken, will die Staatengemeinschaft 30 Prozent der Land- und 30 Prozent der Meeresflächen bis 2030 unter Schutz stellen.
- Das Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) zur Einschränkung schädlicher Fischereisubventionen verbietet staatliche Zuschüsse für illegale Fischerei, unregulierte Hochseefischerei und den Fang überfischter Bestände.
Die Abkommen werden erst wirksam, wenn die darin vereinbarten Ziele erreicht werden.
„Die Meere können sich erholen. Wo der Mensch sie weniger belastet, offenbaren sie eine unvorstellbare Regenerationskraft. Bisher fehlt der politische Wille, die festgelegten Schutzmaßnahmen konsequent voranzutreiben. Der Fahrplan steht, jetzt muss es losgehen. Nur so können wir die Meere und damit unsere Lebensgrundlagen bewahren.“
Anna Holl Buhl, WWF Deutschland
Weiterführende pro.earth Artikel zu diesem Themekomplex:
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