Kritik an neuer EU-Saatgutreform

Kopie von pro.earth Redaktionsvorlage NEU(1345)

Seit 2023 ringt die EU um eine Reform des Saatgutrechts. Die Verhandlungen unter den 27 EU-Staaten über eine neue Verordnung zur Produktion und Vermarktung von Pflanzenvermehrungsmaterial (PRM) treten in die entscheidende Phase. Eine breite Allianz aus Saatgut-Initiativen, Umweltorganisationen, Landwirt:innen und Züchter:innen sieht die Entwicklungen dabei kritisch: Wenn im neuen Saatgutrecht keine wesentlichen Verbesserungen für die Agrobiodiversität und für die Rechte der Landwirt:innen verankert würden, riskiere Europa ein Saatgutsystem, das die Ernährungssouveränität gefährde und keine Antworten auf die Herausforderungen durch die Klimakrise biete. In einer Woche, am 15. Juni 2026, gehen die Trilog-Verhandlungen zum neuen EU-Saatgutrecht zwischen EU-Parlament, Kommission und den Landwirtschaftsminister:innen der Europäischen Union zu Ende.

 

Der weltweite kommerzielle Saatgutmarkt ist rund 50 Milliarden US-Dollar schwer, es dominieren Mais, Soja und Getreide. Der enge Fokus auf nur wenige Sorten und Arten macht unser Lebensmittelsystem krisenanfällig. Die neue EU-Verordnung über die Produktion und das Inverkehrbringen von Pflanzenvermehrungsmaterial könnte die Arbeit lokaler Produzent:innen unmöglich machen und die bedenkliche Situation mit Oligopolen in wesentlichen Bereichen der Landwirtschaft verstärken. Bereits jetzt beherrschen nur drei Konzerne – Bayer, Corteva und Syngenta – mehr als die Hälfte des globalen Saatgutmarkts. Das neue Saatgutrecht könnte diese Machtkonzentration weiter erhöhen, auch zu Lasten der europäischen Konsument:innen.

Laut Gesetzesvorschlag dürfen Saatgut-Unternehmen unbegrenzte Mengen von Saatgut zum Zweck der Züchtung oder Forschung weitergeben. Gleichzeitig sollen Erhaltungsorganisationen und Bäuer:innen aber bei der Weitergabe kleiner Mengen strenge Auflagen erfüllen – eine klare Diskriminierung findet ARCHE NOAH, Gesellschaft zur Erhaltung und Verbreitung der Kulturpflanzenvielfalt.

„Die Saatgut-Industrie hat ihre Interessen durchgesetzt. Wir brauchen aber ein Saatgutrecht, das einen fairen Rahmen für alle Akteur:innen schafft und die Vielfalt der Sorten und Arten für künftige Generationen erhält“, so Paul Grabenberger, Experte für europäische Saatgutpolitik.

Die Trilog-Verhandlungen zwischen EU-Parlament, Kommission und dem Rat der Agrar-Minister:innen wurden intensiv weitergeführt, mit dem Ziel, bis Ende Juni dieses Jahres eine Einigung über den endgültigen Gesetzestext zu erzielen.

Die Züchtung vielfältiger, regional angepasster Sorten von Getreide, Erdäpfeln oder Ölpflanzen zu verbieten, kommt einem Arbeits- und Innovationsverbot gleich. Übergeben die Minister:innen diesen Markt exklusiv der Saatgut-Industrie, werden heimische Saatgut-Produzent:innen, Landwirt:innen und Kosument:innen gleichermaßen im Regen stehen gelassen.

Den einen verbietet man die Arbeit, den nächsten fehlen Sorten zur Klimawandelanpassung und die dritten müssen künftig auf regionale Spezialitäten verzichten. Das wäre ein völlig inakzeptabler Kniefall vor den marktdominierenden Konzernen.

Magdalena Prieler, Saatgutrechts-Expertin von ARCHE NOAH

 

Offener Brief europäischer Küchenchef:innen und Gastronom:innen

In einem offenen Brief vom 8. Juni 2026 kritisieren 122 Küchenchef:innen und Gastronom:innen aus 19 europäischen Ländern, dass Europa in eine Zukunft mit weniger Vielfalt, weniger Geschmack und mit einem weniger widerstandsfähigen Ernährungssystemen zu schlittern droht.

 

Unsere Küchen sind auf vielfältige, hochwertige und geschmackvolle Zutaten angewiesen. Diese entstehen aus einer reichen Vielfalt an Saatgut. Diese Vielfalt ist nicht nur für unsere Küche essenziell, sondern auch für kulturelles Erbe, Nachhaltigkeit und die Zukunft unserer Ernährung, schreiben die Köch:innen.

 

Moderne Kulturpflanzen werden häufig auf hohe Erträge und lange Haltbarkeit gezüchtet – meist auf Kosten von Geschmack und Nährwert, beklagen die Köch:innen aus ganz Europa, darunter Sternekoch Paul Ivić vom Wiener „TIAN“, die Schweizer Naturköchin und Bio-Bäuerin Rebecca Clopath, Sternekoch Thomas Imbusch vom Hamburger Restaurant „100/200”, Haubenkoch Peter Fankhauser vom Tiroler „Guat’z Essen“, Jacob Holmström von „Restaurang Fyr” aus Schweden oder Paul Kolarik von der Wiener „Luftburg”, dem größten Bio-Restaurant der Welt.

 

Mit dem neuen EU-Saatgutrecht droht wertvoller Geschmack von unseren Speisekarten zu verschwinden. Unser Ernährungssystem könnte zu einer Ein-Rezept-Küche werden, warnt Paul Grabenberger, Saatgutrechts-Experte von ARCHE NOAH, der österreichischen Gesellschaft zur Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt.

 

Die Köch:innen fordern

  • das Recht der Landwirt:innen, ihr eigenes Saatgut anzubauen, auszutauschen und zu verkaufen;
  • Unterstützung für kleine und lokale Saatguterzeuger:innen;
  • Weitgehende Freiheiten statt bürokratischer Schikanen für Organisationen und Netzwerke, die traditionelle und regionale Sorten erhalten und weiterentwickeln.

 

Das Rezept für den Erhalt der Artenvielfalt: ein modernes EU-Saatgutrecht

Aus Sicht der unterzeichnenden Top-Köch:innen und -Gastronom:innen entscheiden die aktuellen Verhandlungen in Brüssel, welche Sorten überleben werden, was Landwirt:innen anbauen dürfen und was in Zukunft auf unseren Tellern landet. Jede verlorene Sorte bedeutet einen verlorenen Geschmack, eine verlorene Tradition und ein verlorenes Stück unserer Zukunft, erklären die Köch:innen in ihrem gemeinsamen Appell.

Paul Ivić, CEO und Küchenchef des vegetarischen Sternerestaurants TIAN in Wien sagt:

Ein starkes Europa lebt von Unabhängigkeit. Wir schützen Saatgut nicht, weil es um Samen geht. Wir schützen es, weil Vielfalt Freiheit schafft und unabhängige Bäuerinnen und Bauern Ernährungssicherheit für uns alle sichern. Wo Macht und Vielfalt in den Händen weniger konzentriert werden, geraten Demokratie und Ernährungssicherheit gleichermaßen in Gefahr.

Und Paul Kolarik von der Wiener Luftburg ergänzt: Die Zukunft der Wiener Küche entscheidet sich nicht nur in Restaurants, sondern bereits auf den Feldern und vor allem in der Verfügbarkeit von vielfältigem Saatgut.

„Der offene Brief zeigt, dass das neue Saatgutrecht alle europäischen Bürger:innen betrifft“, sagt Paul Grabenberger. Die Botschaft von Europas Küchenchef:innen ist ein klarer Aufruf an die EU-Politik, Saatgutvielfalt zu schützen und damit Ernährungssicherheit und kulinarische Vielfalt für kommende Generationen zu sichern.