Kühlung ohne den Planeten weiter aufzuheizen
Die Rekordtemperaturen von über 40 Grad Celsius Ende Juni haben die Diskussion über Wohnraumkühlung wieder angeheizt. Die Zahl der verkauften Klimaanlagen ist nach oben geschnellt und haben ein Teufelskreislauf befeuert. Eingebaute Klimanlagen erhöhen die Außentemperatur, benötigen Strom, der vielfach noch nicht aus erneuerbaren Quellen stammt, und werden zudem mit Kühlmitteln betrieben, die zum Teil klimaschädlich sind. Dadurch heizen sie den Treibhauseffekt auf unserem Planeten weiter an. Doch es gibt nachhaltige Alternativen, die immer mehr an Bedeutung gewinnen.
Problematik bei Klimaanlagen kurz zusammengefasst
- Der Energiebedarf für Raumkühlung hat sich zwischen 1990 und 2016 verdreifacht und wird in den kommenden Jahren weiter stark ansteigen
- Dieser wird heute vielfach aus fossilen Energiequellen gespeist unnd erzeugt somit große Mengen an Treibhausgasen
- Bis 2050 soll sich die weltweite Anzahl an Klimaanlagen verzwei- bis dreifachen, von 1,5 Milliarden auf rund 3,5 Milliarden Geräten
- Die eingesetzten Kühlmittel sind zum Teil klimaschädlich, wenn sie entweichen oder nicht fachgerecht entsorgt werden – Propan, Ammoniak und CO2 sind nachhaltige Alternativen dazu
„Es ist ein Teufelskreis. Wir kühlen die Innenräume, aber wir erwärmen dabei die Umgebung, wodurch der Bedarf nach mehr Kühlung entsteht.“
Sneha Sachar, stellvertretende Direktorin der gemeinnützigen Organisation Clean Cooling Collaborative gegenüber DW
Doch es gibt viele Alternativen und auch einfache Methoden, die Wohn- und Arbeitsräume zu kühlen. Zu nachhaltigen, zukunftsweisenden Systemen zählen unter anderem Verdunstungskühlung, Fassadenbegrünung und passive Lüftungssysteme.
„Passive Kühlung ist so vielversprechend, weil sie nicht so teuer ist, sie verhindert außerdem die Verschärfung des Heat-Island-Effects in Städten und erhöht die Überlebensfähigkeit der Menschen, indem es die Abhängigkeit von Klimaanlagen verringert.“
Alexandra Rempel, Assistenzprofessorin für Umweltdesign an der Universität von Oregon (DW)
Kontrollierte, natürliche Lüftung
Zum einen kann die natürliche, kontrollierte Lüftung über Nacht genutzt werden, um Innenräume nachhaltig zu kühlen. Dies funktioniert besonders gut durch Querlüftung bei weit geöffneten Fenstern (also nicht gekippt).
In modernen Gebäuden wird dies oft bereits mitberücksichtigt unnd durch automatische Systeme gesteuert. Im Zusammenspiel mit thermischer Baukernaktivierung kann zum Teil auf stromfressende Klimaanlagen verzichtet werden. Dazu werden Rohre in Wänden und Decken verlegt, durch die Wasser als Heiz- und Kühlmedium fließt.
Außenbeschattung
Die Verwendung von Außenrollos, Jalousien oder auch dichten Vorhängen und Innenrollos senkt die Raumtemperatur tagsüber ebenfalls um einige Grade ab. Kombiniert mit aktiver Lüftung in der Nacht, kann die Raumtemperatur effetik gesenkt werden.
Stadtbegrünung als eine Technik der passiven Kühlung
In stark verbauten Innenstädten bleiben in der Nacht die Temperaturen oftmals durch die Abstrahlung von Wänden und Straßen sehr hoch, weswegen der Städteplanung mit der Planung von Grünkorridoren, begrünten Fassaden und Dächern eine immens große Rolle zukommt.
„Wenn man mindestens zehn Meter Grün an der Fassade eines Gebäudes hat, kann man die Oberflächentemperatur um fünf Grad Celsius senken“, sagte Ayu Sukma Adelia, Architektin des Cooling Singapore Research Project, gegenüber der DW.
Stadtbegrünung ist keine Dekoration mehr – sie wird zur Klimaanlage der Zukunft
Nutzung von Fernkälte
In manchen urbanen Zentren kommt auch Fernkälte als mögliche Alternative zum Einsatz im Vergleich zu herkömmlichen Klimaanlagen rund 70 Prozent Energie und 50 Prozent CO2-Emissionen einsparen. In Paris wird dazu die Seine, in Toronto der Ontario-See und in München z.T das Grundwasser genutzt. Wir haben bereits darüber berichtet:
Fernkälte – die klimafreundliche Alternative zur Klimaanlage
Wärmepumpen mit Kühlfunktion
Vielfach bieten auch Wärmepumpen, die ja immer öfter – auch in Kombination mit PV-Anlagen – zum Einsatz kommen, die Möglichkeit im Sommer die Räume zu kühlen.
Prinzip der Verdunstungskühlung
Wir kennen es von manchen öffentlichen Plätzen, wo Wassernebel versprüht wird: Wenn Wasser verdunstet, entzieht es der Umgebung Wärme und erzeugt somit einen kühlenden Effekt. In China wird dies laut einem aktuellen Bericht in CHIP auf Hochhäusern verwendet, wo Unmengen an Wasser als Nebel versprüht wird. Dies hat allerdings den großen Nachteil, dass der Wasserbedarf enorm ist und den Außenbereich mehr kühlt als die Innenbereiche. Genutzt werden kann es jedoch im Innenbereich durch den Einsatz von Wasserspielen und Pflanzen.
Passive Kühlung bei Architektur mitplanen
„Wir müssen darüber nachdenken, wie und wo wir Wände einbauen, wie wir das Dach eines Gebäudes klimafreundlich gestalten, wie wir Schatten nutzen können und welche Art von Durchlüftungsmöglichkeiten sinnvoll ist. Und die Menschen hier müssen in Zukunft darüber nachdenken, wann und wo sie Klimaanlagen wirklich brauchen.“
Anumita Roy Chowdhury, Direktorin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Delhi (DW)
„Klimakomfort beginnt nicht erst bei der Haustechnik. Gerade im Wohnbau zeigt sich derzeit, wie stark Architektur selbst auf steigende Temperaturen reagieren kann. Statt große Glasflächen ungeschützt der Sonne auszusetzen, arbeiten viele Projekte mit Schichten: Überstände bremsen direkte Einstrahlung, Screens filtern Licht, dicke Wände speichern Kühle, Höfe lenken Luft und Pflanzen schaffen ein eigenes Mikroklima. Hitzeschutz wird damit zu einer Frage des Entwurfs.“
Falstaff Living
Unser Verhalten entscheidet mit
Wir müssen wohl oder übel mit den heißeren Temperaturen leben lernen. Global gesehen werden allerdings künstlich gekühlte Innenräume in den Hitzemonaten als Zeichen von Wohlstand gesehen, statt als wachsendes Umweltproblem. Oftmals ist den Menschen gar nicht bewusst, welche negtiven Folgen der massive Einsatz von Klimaanlgen hat. Diesbezüglich braucht es mehr Bewusstsein.
Vielfach sind Gebäude wie Kaufhäuser und Hotels zu stark gekühlt, ein Phänomen, das wir erstmals in den USA der 90-er Jahre erlebten und das man zunehmend auch bei uns finden kann. Laut einer DW-Reportage aus dem Jahr 2019 wurde in China daher eine Untergrenze von 26 Grad bei der Kühlung eingeführt. Auch in Indien wurde damals überlegt, die Grundeinstellung der Kühlgeräte von 18 auf 24 Grad Celsius zu erhöhen – ob in den letzten Jahren diesbezüglich Fortschritte gemacht wurden, entzieht sich unserer Kenntnis.
„Ja, es ist heiß. Aber wenn man jung ist und gesund, braucht man deswegen nicht sofort und unbedingt ein Klimagerät.“
Umweltmediziner Hans-Peter Hutter gegenüber DERSTANDARD
