Invasive Arten treiben besonders im Globalen Süden Artensterben voran
Invasive gebietsfremde Arten sind einer der weltweit größten Treiber des Artensterbens. Bisher dachten Forschende, dass der Globale Norden von diesem Phänomen stärker betroffen sei als der Süden. Ein internationales Forschungsteam konnte nun zeigen, dass die Schäden besonders in Schwellenländern wesentlich höher sind und zu katastrophalen ökologischen Folgen führen, weil diese Länder über weniger Mittel im Kampf gegen diese Arten verfügen als Länder des Globalen Nordens.
Bisherige globale Einschätzungen zur geografischen Verteilung dieser Schäden litten jedoch unter einer systematischen Verzerrung in der Forschung („Research Bias“): Da in den Ländern des Globalen Nordens wie Nordamerika und Europa wesentlich mehr Forschung betrieben und dokumentiert wird, erschienen dort auch die höchsten Zahlen an invasiven Arten und damit auch die meisten Schadensberichte.
Eine neue Studie unter Beteiligung von Prof. Dr. Hanno Seebens, Professor für Modellierung biologischer Systeme an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, zeigt nun: In Ländern des Globalen Südens richten invasive Arten signifikant höhere Schäden an als im Globalen Norden.
Dies liegt an einer Kombination aus rasantem Wirtschaftswachstum und unzureichender staatlicher Governance. Die Studie, an der auch Forschende aus der Schweiz und Tschechien beteiligt sind, ist in der Fachzeitschrift „Science“ erschienen.
Daten zum weltweiten Artensterben
Der IPBES (vergleichbar mit dem IPCC für das Klima) stuft invasive Arten als „einen der fünf größten direkten Treiber des weltweiten Biodiversitätsverlustes“ ein.
Besonders eindrucksvoll sind diese Zahlen (Quelle IPBES):
- Über 37.000 gebietsfremde Arten wurden weltweit durch den Menschen verbreitet.
- Mehr als 3.500 davon gelten als invasiv und verursachen erhebliche Schäden.
- Invasive Arten waren an 60 % aller dokumentierten weltweiten Aussterbefälle von Pflanzen und Tieren beteiligt.
- Auf Inseln betrifft dies sogar rund 90 % der bekannten Fälle (IUCN).
- Bei 16 % der dokumentierten Aussterbefälle waren sie sogar die „alleinige Ursache“.
- Bis 2050 wird ein weiterer Anstieg invasiver Arten um rund 36 % erwartet, wenn keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen werden.
Das sind die fünf größten Ursachen des Artensterbens (IPBES)
1. Veränderung der Land- und Meeresnutzung
2. Direkte Ausbeutung von Tier- und Pflanzenarten
3. Klimawandel
4. Umweltverschmutzung
5. Invasive gebietsfremde Arten
Schadensmessung statt Artenzählung
Das internationale Forschungsteam um Prof. tit. Dr. Sven Bacher (Universität Freiburg, Schweiz), Prof. Dr. Petr Pyšek (Tschechische Akademie der Wissenschaften) und Prof. Seebens nutzte einen neuen methodischen Ansatz: Anstatt lediglich die Präsenz der invasiven Art zu zählen, entwickelten die Wissenschaftler eine neue Metrik, die „durchschnittliche Schadensschwere“. Diese Kennzahl setzt die Anzahl der schwerwiegenden Auswirkungen – etwa die lokale Ausrottung heimischer Populationen– ins Verhältnis zu allen gemeldeten lokalen ökologischen Auswirkungen. Damit ist die Kennzahl unabhängig vom „Research Bias“. Die Grundlage der Arbeit bildet die neue Datenbank „Global Impacts Dataset of Invasive Alien Species (GIDIAS)“, welche über 22.000 dokumentierte Auswirkungen invasiver Arten in 172 Ländern umfasst.
Das Ergebnis ist eine wissenschaftliche Korrektur der bisherigen Annahmen zu den Folgen invasiver Arten: Während im Globalen Norden die absolute Anzahl der gemeldeten Arten und Berichte hoch ist, fällt die relative Schwere der Schäden im Globalen Süden deutlich ausgeprägter aus. „Das zeigt sich sogar bei einzelnen Arten“, erläutert Prof. Seebens.
„Invasive Arten, die sowohl im Globalen Süden als auch im Globalen Norden Schäden anrichten, verursachen 50 Prozent schwerere Folgen in Ländern des Globalen Südens im Vergleich zu Ländern des Globalen Nordens. Besonders in Schwellenländern Südamerikas, Afrikas und Asiens führen Invasionen häufiger zu katastrophalen ökologischen Folgen.“
Länder mit starkem Wirtschaftswachstum besonders betroffen
Die Studie liefert auch eine Erklärung für dieses Phänomen, das vor allem Schwellenländer betrifft: Diese Länder verzeichnen ein hohes Wirtschaftswachstum und einen intensiven globalen Handel, was den Eintrag neuer invasiver Arten massiv beschleunigt. Gleichzeitig verfügen sie oft über weniger entwickelte staatliche Strukturen, höhere Korruptionsraten und geringere Kapazitäten im Management biologischer Invasionen.
„Während Länder des Globalen Nordens zwar viele invasive Arten haben, verhindert das intensive Management der Ökosysteme, dass es zu massiven Auswirkungen kommt. Im Gegensatz wirkt das steigende wirtschaftliche Potenzial der Schwellenländer wie ein Beschleuniger für die Einführung invasiver Arten, während die institutionelle Fähigkeit, darauf zu reagieren, hinterherhinkt.“
Prof. Sven Bacher, Erstautor der Studie
Die Studie zeigt mittels komplexer statistischer Modelle, dass eine gute Regierungsführung und ein proaktives Management die Schwere biologischer Invasionen effektiv reduzieren können. In Ländern des Globalen Südens fehlen diese Mechanismen oft, was dazu führt, dass invasive Arten ungehindert verheerende ökologische Schäden anrichten können.
Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik
Die Ergebnisse der Studie haben weitreichende Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik. „Prävention ist der effizienteste Weg, die Folgen von invasiven Arten zu verhindern, aber dafür benötigt es effektive Managementstrukturen in jedem Land und intensive internationale Kooperation“, betont Prof. Bacher. „Wenn wir die globale Biodiversitätskrise bewältigen wollen, müssen wir die Managementlücke zwischen Nord und Süd schließen und dürfen die am stärksten von invasiven Arten betroffenen Regionen nicht weiter marginalisieren.“ Die Forschenden weisen darauf hin, dass es nicht ausreiche, die Ausbreitung von Arten global zu überwachen.
„Wir müssen verhindern, dass die ökologischen Schäden in den Regionen des Globalen Südens, die oft die höchste Biodiversität beherbergen, irreversibel werden.“
Prof. Dr. Hanno Seebens, Professor für Modellierung biologischer Systeme
Link
Originalpublikation:
Sven Bacher et al.: Invasive species’ environmental impacts are more severe in the Global South. Science393, 376-380 (2026)
https://doi.org/10.1126/science.aed0603
