Europas Erneuerbare verdrängen Gas – verliert der „Brückenenergieträger“ seine Rolle?
Jahrzehntelang galt Erdgas als Brücke in Europas Energiewende: weniger CO₂-intensiv als Kohle, flexibel einsetzbar und ideal, um Schwankungen von Wind- und Solarenergie auszugleichen.
Doch diese Rolle beginnt sich zu verändern.
Der massive Ausbau erneuerbarer Energien sorgt dafür, dass Gaskraftwerke in Europa zunehmend weniger Stunden zur Stromproduktion benötigt werden. 2026 zeichnet sich immer deutlicher eine strukturelle Verschiebung im europäischen Strommarkt ab.
Wind und Sonne übernehmen immer größere Teile der Stromversorgung
Bereits 2025 erreichten Wind- und Solarenergie zusammen einen historischen Meilenstein: Erstmals erzeugten sie in der Europäischen Union mehr Strom als alle fossilen Energieträger zusammen.
Wind und Solar kamen gemeinsam auf rund 30 Prozent der EU-Stromerzeugung, fossile Energieträger auf rund 29 Prozent.
Noch deutlicher wird die Entwicklung, wenn alle erneuerbaren Energien berücksichtigt werden: 2025 stammten rund 47 Prozent der gesamten Stromproduktion in der EU aus erneuerbaren Quellen.
Im ersten Quartal 2026 lag ihr Anteil bereits bei 45,5 Prozent – gegenüber 42,7 Prozent im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Fast 750 Gigawatt Wind und Solar
Hinter der Entwicklung steht ein enormer Ausbau.
Vor rund zwei Jahrzehnten verfügte Europa über weniger als 20 Gigawatt Wind- und Solarleistung. Mittlerweile sind es laut einer aktuellen Reuters-Analyse fast 750 Gigawatt.
Damit verändert sich auch die Aufgabe der europäischen Gaskraftwerke.
Während Gas früher über lange Teile des Jahres kontinuierlich Strom produzierte, decken Wind und Solar heute insbesondere zwischen Frühjahr und Herbst einen immer größeren Teil des Bedarfs.
Die klassische „Gas-Saison“ wird kürzer.
Daten & Fakten
47,3 Prozent
der EU-Stromproduktion kamen 2025 aus erneuerbaren Energiequellen.
49,9 Prozent
betrug der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch der EU 2025.
30 Prozent
der EU-Stromerzeugung entfielen 2025 allein auf Wind- und Solarenergie – erstmals mehr als auf alle fossilen Energieträger zusammen.
Fast 750 Gigawatt
Wind- und Solarleistung sind mittlerweile in Europa installiert. Vor rund zwei Jahrzehnten waren es weniger als 20 Gigawatt.
45,5 Prozent
des in der EU erzeugten Stroms kamen im ersten Quartal 2026 aus erneuerbaren Quellen.
90,8 Prozent
des österreichischen Bruttostromverbrauchs wurden 2025 rechnerisch durch erneuerbare Energien gedeckt. Österreich gehörte damit zur europäischen Spitzengruppe.
Aber Gas ist noch lange nicht verschwunden
Die Entwicklung bedeutet nicht, dass Europa kurzfristig auf Gaskraftwerke verzichten kann.
Gerade wenn wenig Wind weht und gleichzeitig die Solarproduktion gering ist, braucht das Stromsystem flexibel verfügbare Leistung. Speicher, leistungsfähigere Stromnetze und eine bessere europäische Vernetzung werden deshalb immer wichtiger.
Wie relevant diese Reservefunktion noch ist, zeigt ausgerechnet die aktuelle Hitzewelle: Schwache Windproduktion in Deutschland und hitzebedingte Einschränkungen französischer Atomkraftwerke haben im August zeitweise wieder einen höheren Einsatz fossiler Kraftwerke notwendig gemacht.
Genau darin liegt das Paradox der europäischen Energiewende: Gas wird insgesamt weniger wichtig, kann aber in einzelnen Stunden weiterhin entscheidend sein.
Vom Energieträger zum Backup?
Damit könnte sich die Rolle von Erdgas grundsätzlich verändern.
Statt dauerhaft große Mengen Strom zu produzieren, könnten Gaskraftwerke zunehmend zu einer Absicherung für jene Stunden werden, in denen Wind, Sonne, Speicher und Stromimporte nicht ausreichen.
Wie schnell dieser Wandel gelingt, hängt deshalb nicht allein davon ab, wie viele neue Windräder und Solaranlagen Europa errichtet.
Entscheidend werden Stromnetze, Speicher, flexible Verbraucher und zusätzliche gesicherte Leistung sein.
Die eigentliche Frage lautet daher möglicherweise nicht mehr, ob Europa Gas als Brücke braucht – sondern wie lange und wie oft es diese Brücke künftig noch benutzen muss.
Trotz des starken Ausbaus der Erneuerbaren ist der Gasverbrauch in der EU 2025 insgesamt sogar um 2,3 Prozent gestiegen. Das zeigt, dass sich die Entwicklung nicht auf eine einfache Formel reduzieren lässt: Während Wind und Solar Gas zunehmend aus der Stromerzeugung verdrängen, bleibt Erdgas in anderen Bereichen – etwa Industrie, Wärmeversorgung und als flexible Absicherung des Stromsystems – weiterhin bedeutend.
