Vom Klimaproblem zum CO₂-Speicher? Beton wird neu gedacht
Beton ist der wichtigste Baustoff unserer modernen Gesellschaft – und gleichzeitig eine große Herausforderung für den Klimaschutz. Vor allem die Herstellung von Zement verursacht erhebliche CO₂-Emissionen.
Doch ausgerechnet alter Beton könnte künftig Teil der Lösung werden.
Forscher arbeiten an Verfahren, bei denen Abbruchbeton nicht nur recycelt wird, sondern gleichzeitig CO₂ dauerhaft bindet. Durch sogenannte Mineralisierung oder Karbonatisierung reagiert Kohlendioxid mit calciumhaltigen Bestandteilen des Betons und wird dabei in stabile mineralische Verbindungen umgewandelt.
Aus Betonabbruch könnte damit gleichzeitig ein neuer Rohstoff und ein Speicher für CO₂ entstehen.
CO₂ wird zum Bestandteil des Materials
Das Prinzip beruht auf einer natürlichen chemischen Reaktion.
Beton nimmt auch während seiner normalen Lebensdauer langsam CO₂ aus der Umgebung auf. Bei neuen Verfahren soll dieser Prozess jedoch gezielt und erheblich beschleunigt werden.
Besonders interessant ist dabei alter Beton.
Nach dem Abbruch von Gebäuden wird Beton zerkleinert. Dadurch entstehen sehr große neue Oberflächen. Werden diese Materialien unter kontrollierten Bedingungen mit CO₂ behandelt, kann ein Teil des Kohlendioxids mit dem Material reagieren und dauerhaft als Calciumcarbonat gebunden werden.
Das CO₂ wird damit nicht nur kurzfristig gespeichert, sondern chemisch in einen festen mineralischen Zustand überführt.
Neue Forschung zeigt das Potenzial
Im Juli 2026 untersuchten Forscher, wie sich feine Pulver aus Bau- und Abbruchabfällen gezielt zur CO₂-Mineralisierung einsetzen lassen.
Die Ergebnisse zeigen ein messbares Speicherpotenzial: Recyclingbetonpulver konnte je nach Material zwischen 33,5 und 54,7 Kilogramm CO₂ pro Tonne Material dauerhaft binden.
Eine weitere im August veröffentlichte Studie untersuchte karbonisierte feine und grobe Recyclingzuschläge für neuen Beton. Dabei geht es nicht nur um CO₂-Speicherung, sondern auch um eine entscheidende Frage für die Praxis: Kann das recycelte Material anschließend wieder für hochwertigen Beton eingesetzt werden?
Die Forschung zeigt, dass sich CO₂-behandelte Recyclingmaterialien grundsätzlich wieder in neue Betonmischungen integrieren lassen.
Damit entsteht perspektivisch ein Kreislauf:
Gebäude – Abbruch – Recycling – CO₂-Mineralisierung – neuer Beton.
Auch Europa investiert in die Technologie
In Europa laufen bereits mehrere Forschungsprogramme zur nächsten Generation klimafreundlicher Baustoffe.
Im EU-finanzierten Projekt C-SINC arbeiten Forscher und Unternehmen aus mehreren europäischen Ländern an neuartigen Bindemitteln. Dabei sollen Magnesiumsilikate eingesetzt werden, um CO₂ dauerhaft mineralisch zu binden.
Das Ziel geht deutlich über klassisches Recycling hinaus: Ein Teil des herkömmlichen Zements soll durch Materialien ersetzt werden, die bei ihrer Herstellung CO₂ aufnehmen.
Das Projekt wird mit rund 4 Millionen Euro gefördert.
Auch am Karlsruher Institut für Technologie werden entsprechende Betonbauteile bereits auf Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit untersucht.
Warum Zement das eigentliche Problem ist
Beton besteht überwiegend aus Sand, Kies, Wasser und Zement. Klimatisch problematisch ist vor allem der Zement.
Bei der Herstellung von Zementklinker wird Kalkstein auf sehr hohe Temperaturen erhitzt. Dabei entstehen Emissionen nicht nur durch die benötigte Energie.
Ein erheblicher Teil des CO₂ entsteht unmittelbar durch die chemische Umwandlung des Kalksteins.
Deshalb lässt sich das Problem nicht allein dadurch lösen, Zementwerke mit erneuerbarer Energie zu betreiben.
Neue Bindemittel, weniger Zement pro Kubikmeter Beton, Recycling und CO₂-Mineralisierung müssen zusammenspielen.
Daten & Fakten
33,5 bis 54,7 Kilogramm CO₂ können laut einer aktuellen Studie pro Tonne untersuchtem Recyclingbetonpulver mineralisch gebunden werden.
Rund 4 Millionen Euro EU-Förderung fließen in das europäische Forschungsprojekt C-SINC zur Entwicklung CO₂-speichernder Bindemittel.
100 Prozent Recyclingzuschlag ist bereits Gegenstand aktueller Forschung. Wissenschaftler untersuchen Beton, bei dem sämtliche groben Zuschlagstoffe aus Recyclingbeton stammen.
Dauerhafte Speicherung: Bei der Mineralisierung wird CO₂ chemisch in Carbonaten gebunden und nicht lediglich in Hohlräumen gespeichert.
Kein Wundermittel – aber enormes Potenzial
Aus Beton wird deshalb nicht automatisch ein klimaneutraler Baustoff.
Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung vom Juli 2026 warnt sogar davor, die natürliche CO₂-Aufnahme bestehender Betonbauten zu überschätzen. Sie reicht bei weitem nicht aus, um die Emissionen der Zementproduktion auszugleichen.
Genau deshalb sind technische Verfahren interessant, die Mineralisierung gezielt beschleunigen und gleichzeitig Recyclingmaterial für neue Baustoffe erzeugen.
Die entscheidende Frage lautet nun, ob sich diese Prozesse wirtschaftlich und in industriellem Maßstab umsetzen lassen.
Conclusio
Die vielleicht spannendste Entwicklung beim Beton findet derzeit nicht auf der Baustelle statt, sondern am Ende seines bisherigen Lebenszyklus.
Alter Beton könnte künftig zu einem wertvollen Rohstoff werden, der gleichzeitig einen Teil des CO₂ dauerhaft mineralisch bindet.
Damit würde aus zwei Problemen – großen Mengen an Bauschutt und hohen CO₂-Emissionen – zumindest ein Teil einer gemeinsamen Lösung entstehen.
Noch befindet sich vieles in Forschung und Entwicklung. Doch wenn CO₂-Mineralisierung, Recycling und neue Bindemittel industriell skalierbar werden, könnte sich einer der ältesten und wichtigsten Baustoffe der Welt grundlegend verändern.
