Gletscherschmelze weltweit: Wenn das Eis verschwindet, verändern sich ganze Regionen

gletscher

Die Bilder aus dem Himalaya zeigen derzeit auf dramatische Weise, welche Kräfte in Hochgebirgsregionen entstehen können. Nach bisherigen Erkenntnissen löste am 26. August ein massiver Kollaps von Eis und Gestein im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet eine verheerende Flut- und Geröllwelle aus.

Noch wird wissenschaftlich untersucht, welche Faktoren genau zum Zusammenbruch geführt haben. Ein direkter Zusammenhang dieses einzelnen Ereignisses mit dem Klimawandel lässt sich derzeit nicht eindeutig feststellen.

Der langfristige Trend dagegen ist eindeutig: Gletscher verlieren weltweit massiv an Eis – und das verändert nicht nur die Landschaft, sondern zunehmend auch Wasserhaushalt, Naturgefahren und Lebensräume.

 

Gletscher verlieren weltweit an Masse

Nach Daten der Weltorganisation für Meteorologie haben die beobachteten Gletscher im hydrologischen Jahr 2023/2024 rund 450 Milliarden Tonnen Eis verloren.

Das entspricht etwa 1,2 Millimetern globalem Meeresspiegelanstieg innerhalb eines einzigen Jahres.

Besonders bemerkenswert: 2024 war bereits das dritte Jahr in Folge, in dem alle 19 weltweit beobachteten Gletscherregionen einen Nettoverlust an Eis verzeichneten.

Auch 2024/2025 setzte sich die Entwicklung fort. Die WMO zählt dieses Gletscherjahr zu den fünf verlustreichsten seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. Acht der zehn Jahre mit den größten beobachteten Eisverlusten liegen mittlerweile seit 2016.

 

Vom Himalaya bis zu den Alpen

Die Entwicklung betrifft praktisch alle großen Gebirgsregionen der Erde.

Besonders sichtbar ist sie im Himalaya. Die Gletscher des Hindu Kush Himalaya verloren zwischen 2011 und 2020 rund 65 Prozent schneller Eis als im Jahrzehnt davor. Nepal hat innerhalb von rund drei Jahrzehnten nahezu ein Drittel seines Gletschereises verloren.

Auch die europäischen Alpen gehören zu den Regionen mit besonders starkem Gletscherschwund. Steigende Temperaturen, geringere Schneebedeckung und längere Schmelzperioden lassen die Eisflächen zunehmend zurückgehen.

In den Anden ist die Situation ebenfalls kritisch. Dort erfüllen Gletscher zusätzlich eine wichtige Funktion als natürliche Wasserspeicher. Ihr Rückgang kann langfristig die Wasserversorgung von Städten, Landwirtschaft und Ökosystemen beeinträchtigen.

 

Wenn aus Eis Wasser wird

Schmelzende Gletscher haben zunächst einen scheinbar paradoxen Effekt: Durch die stärkere Schmelze kann vorübergehend mehr Wasser zur Verfügung stehen. Doch dieser Effekt hält nicht dauerhaft an.

Wird ein Gletscher immer kleiner, nimmt irgendwann auch die Menge des verfügbaren Schmelzwassers ab. Für Regionen, deren Flüsse während trockener Monate wesentlich von Gletschern gespeist werden, kann das langfristig erhebliche Folgen haben.

Besonders relevant ist das in Teilen Asiens und Südamerikas. Dort sind Millionen Menschen direkt oder indirekt von Wasser aus Hochgebirgsregionen abhängig.

 

Neue Gefahren entstehen

Der Rückzug der Gletscher verändert gleichzeitig die Stabilität der Gebirge.

Wo Eis verschwindet und Permafrost auftaut, können zuvor stabilisierte Felsmassen instabil werden. Gleichzeitig entstehen hinter zurückweichenden Gletschern immer häufiger Seen.

Brechen natürliche Dämme solcher Gletscherseen, können innerhalb kurzer Zeit enorme Wassermengen ins Tal stürzen. Solche sogenannten Gletschersee-Ausbruchsfluten können Siedlungen, Straßen, Brücken und Kraftwerke zerstören.

Mehr als 12.000 Todesfälle wurden weltweit bereits mit solchen Fluten in Verbindung gebracht.

Allein Nepal besitzt mehr als 2.000 Gletscherseen. 21 davon gelten als potenziell gefährlich.

Die aktuelle Katastrophe im Himalaya zeigt allerdings auch, dass die Gefahr nicht ausschließlich von Gletscherseen ausgeht. Auch der Kollaps großer Eis- und Felsmassen kann eine Kettenreaktion auslösen: Lawine, Geröllstrom, aufgestauter Fluss – und schließlich eine massive Flutwelle.

 

Daten & Fakten

• Rund 450 Milliarden Tonnen Gletschereis gingen 2023/2024 weltweit verloren.

• Das entsprach etwa 1,2 Millimetern globalem Meeresspiegelanstieg.

• 2024 war das dritte Jahr in Folge, in dem alle 19 beobachteten Gletscherregionen weltweit Eis verloren.

• Acht der zehn Jahre mit den stärksten Gletscherverlusten seit Beginn der Messreihe 1950 liegen seit 2016.

• Die Gletscher des Hindu Kush Himalaya verloren zwischen 2011 und 2020 rund 65 Prozent schneller Eis als im Jahrzehnt davor.

• Nepal hat innerhalb von rund drei Jahrzehnten nahezu ein Drittel seines Gletschereises verloren.

• Mehr als 12.000 Todesfälle weltweit werden bereits mit Ausbruchsfluten von Gletscherseen in Verbindung gebracht.

 

Gletscher sind mehr als beeindruckende Eislandschaften

Der weltweite Gletscherschwund wird häufig vor allem als sichtbares Symbol des Klimawandels betrachtet. Seine Bedeutung reicht jedoch wesentlich weiter.

Gletscher speichern Wasser, speisen Flüsse, beeinflussen Ökosysteme und stabilisieren Hochgebirgslandschaften. Wenn sie verschwinden, verändert sich ein über Jahrtausende entstandenes System.

Die Folgen treten dabei nicht überall gleichzeitig auf. Manche Regionen kämpfen zunächst mit zusätzlichen Wassermassen und steigenden Naturgefahren. Andere werden langfristig mit weniger verfügbarem Wasser konfrontiert.

Die Ereignisse im Himalaya sind deshalb kein Beweis dafür, dass jede Katastrophe im Hochgebirge unmittelbar durch den Klimawandel verursacht wird. Sie zeigen aber, wie verwundbar Gebirgsregionen sind – während sich ihre natürlichen Bedingungen durch die globale Erwärmung immer schneller verändern.