Kann Biotechnologie bedrohte Arten retten?

frosch

Der Klimawandel verändert Lebensräume schneller, neue Krankheiten breiten sich aus und viele Tier- und Pflanzenarten geraten zunehmend unter Druck. Klassischer Naturschutz versucht, Lebensräume zu erhalten, Populationen zu stabilisieren und Belastungen zu reduzieren.

Doch was passiert, wenn sich eine Art nicht schnell genug an veränderte Bedingungen anpassen kann?

In Großbritannien wird jetzt an einem Ansatz geforscht, der bisher vor allem aus Medizin und Landwirtschaft bekannt ist: Biotechnologie soll wildlebenden Arten möglicherweise dabei helfen, widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Klimaveränderungen zu werden.

Die britische Forschungsagentur ARIA stellt dafür rund 54 Millionen Pfund bereit. Das Forschungsprogramm „Accelerated Adaptation“ untersucht unterschiedliche Möglichkeiten, die Anpassungsfähigkeit wildlebender Arten gezielt zu unterstützen.

 

Bäume gegen Krankheiten widerstandsfähiger machen

Ein Schwerpunkt liegt auf Europas Wäldern.

Mehrere Forschungsgruppen untersuchen, wie Bäume besser gegen Pilzkrankheiten geschützt werden könnten. Ein Projekt entwickelt beispielsweise einen RNA-basierten Schutz gegen neu auftretende Pilzerkrankungen. Ein anderer Ansatz untersucht, ob sogar bereits ausgewachsene Bäume nachträglich widerstandsfähiger gegen Krankheitserreger gemacht werden können.

Auch die zunehmende Trockenheit spielt eine Rolle. Wissenschaftler der Royal Botanic Gardens, Kew, erforschen, ob Samen so behandelt werden können, dass daraus widerstandsfähigere Bäume entstehen, die Trockenperioden besser überstehen.

 

Hilfe für Amphibien und Bestäuber

Auch bei Tieren gehen die Forschenden neue Wege.

Ein Projekt beschäftigt sich mit Amphibien und dem gefährlichen Chytridpilz, der weltweit Populationen von Fröschen, Kröten und anderen Amphibien bedroht. Dabei soll untersucht werden, ob gezielt veränderte Mikroorganismen auf der Haut die Tiere widerstandsfähiger gegen die Infektion machen können.

Andere Teams beschäftigen sich mit Bestäubern. Sie untersuchen unter anderem Möglichkeiten, Wildbestäuber besser gegen Viruserkrankungen zu schützen.

 

Selbst Moore und Küsten könnten profitieren

Die Forschung geht noch weiter.

Torfmoose spielen eine entscheidende Rolle für Moore und deren Fähigkeit, große Mengen Kohlenstoff zu speichern. Ein Projekt untersucht deshalb, wie Torfmoose widerstandsfähiger gegen ein sich veränderndes Klima gemacht werden könnten.

Ein anderes beschäftigt sich mit Strandhafer. Die Pflanze stabilisiert Dünen und schützt damit Küsten. Ziel ist es herauszufinden, ob ihre Anpassung an veränderte Umweltbedingungen beschleunigt werden kann.

 

Daten & Fakten

54 Millionen Pfund umfasst das britische Forschungsprogramm „Accelerated Adaptation“.

Untersucht werden unter anderem Bäume, Amphibien, Bestäuber, Torfmoose und Strandhafer.

Zu den Forschungsansätzen gehören RNA-Technologien, Veränderungen von Mikroorganismen, Saatgutbehandlung und weitere genetische und biotechnologische Verfahren.

Neben der biologischen Forschung werden ausdrücklich auch mögliche Risiken sowie ethische und gesellschaftliche Fragen untersucht.

Das Ziel ist nicht, klassischen Naturschutz zu ersetzen, sondern neue Möglichkeiten für Arten zu entwickeln, deren natürliche Anpassung mit den schnellen Veränderungen ihrer Umwelt möglicherweise nicht Schritt halten kann.

 

Wie weit dürfen wir in die Natur eingreifen?

Genau hier beginnt die schwierige Frage.

Gezielte Eingriffe könnten künftig verhindern, dass Populationen durch Krankheiten, Hitze oder Trockenheit zusammenbrechen. Gleichzeitig sind Ökosysteme hochkomplex. Veränderungen an einer Art können Auswirkungen auf andere Arten und damit auf ganze Nahrungsketten haben.

ARIA selbst weist deshalb darauf hin, dass technologische Eingriffe verantwortungsvoll geprüft werden müssen. Das Programm finanziert neben der eigentlichen Forschung auch Arbeiten zu Modellierung, Datenvalidierung, Ethik und Governance.

Biotechnologie wird Wälder, Moore oder Bestäuber nicht retten, wenn ihre Lebensräume weiter verschwinden oder der Druck durch den Klimawandel immer größer wird.

Doch sie könnte dem Naturschutz künftig ein zusätzliches Werkzeug geben.

Damit entsteht eine Frage, die uns vermutlich noch häufiger beschäftigen wird: Wenn wir die technischen Möglichkeiten besitzen, einer bedrohten Art bei der Anpassung zu helfen – sollten wir sie dann auch einsetzen?