Unser Wald steht vor einem Neubeginn

„Wir erleben einen Waldwandel von historischem Ausmaß. Wir sind Zeitzeugen von etwas ganz Besonderem.“ so Nationalpark-Managerin Sabine Bauling vom Nationalpark Harz, in dem es durch massiven Borkenkäferbefall zum Absterben der Fichtenmonokulturen kam. Besonders die Bilder des Brocken, des Wahrzeichens im Harz, gingen durch alle Medien. Aber nicht nur Schädlinge, auch Stürme und die anhaltende Trockenheit setzen den Monokulturen, auch Plantagen genannt, stark zu. Vielerorts brechen ganze Wälder zusammen. Durch die menschliche Bewirtschaftung haben wir dafür gesorgt, dass diese „Kalamitäten“ zu einem hohen Grad an Waldverlust führen.

 

Wir haben dafür gesorgt, dass der Großteil der ursprünglichen Wäldern zu Monokulturen umgewandelt wurden. Die letzten beiden Jahrzehnte führten nun dazu, dass sich dieser Prozess  – recht radikal – umdreht. Wir können das große Sterben nutzen, um für zukünftige Generationen einen gesunden, klimafitten Wald aufzubauen – oder wiederholen die Fehler und setzen auf andere, neue, hier bis dato nicht heimische Baumarten wie Douglasie und züchten neue Monokulturen. Beides passiert gerade parallel auf den Brachen, die die Borkenkäferinvasion, Stürme und Dürren geschaffen haben. Im deutschen Mittelgebirge ebenso wie im österreichischen Waldviertel und überall sonst in Mitteleuropa.

Wenn man nüchtern betrachtet und analysiert, welche Effekte der Buchdrucker an seinem jeweiligen Standort auf die Biodiversität hat, fällt die Bilanz überragend positiv aus.

Jörg Müller, Ökologe und Vizechef des Nationalparks Bayerischer Wald

 

Borkenkäfer – Schädling oder Mithelfer am Weg in einen klimastabilen Wald?

Sieht man ein von Borkenkäfer zerstörtes Waldstück, dann kann man ihn erstmals nur als Schädling sehen. Aber so einfach ist es nicht. Im folgenden Video gibt es nähere Infos zum Thema.

 

„Hitzestress, Trockenheit und Stürme als Folge des Klimawandels“, sagt die Nationapark-Managerin im Harz, Sabine Bauling, „sind die idealen Verbündeten für eine Massenvermehrung des Borkenkäfers an Standorten, an die Fichten eigentlich nicht gehören.“

 

Generationenvertrag ist gebrochen

Waldbesitzer:innen, Förster:innen und Naturschützer:innen haben mit neuen großen Herausforderungen und dem Verlust ihrer gewohnten Einnahmequelle zu kämpfen.

„Als Waldbesitzer lebt man von den Bäumen, die Generationen vorher angepflanzt haben. Man verkauft Holz, das man selbst nicht produziert hat, aber mit dem guten Gewissen, dass man ja auch etwas Neues anpflanzt, das die nächste oder übernächste Generation erntet“, sagt Cornelius Meyer-Stork, privater Waldbesitzer im Harzgebiet. „Dieser Generationenvertrag ist mit den Borkenkäfer-Schäden gebrochen – die nächste Generation wird deutlich weniger verkaufen können.“

 

„In Zukunft wird es vielleicht eher darum gehen, den Wald überhaupt zu erhalten – seinen ökologischen Wert oder seine Funktionen für den Klimaschutz.“ so Meyer-Storck.

 

Die Krise als Chance

So bedrohlich es für den einzelnen sein kann, ist es gleichzeitig eine Chance, aus den artenarmen Plantagen wieder naturnahe Wälder, die auch mit den Schwierigkeiten des Klimawandels zurechtkommen, aufzubauen. Dabei können uns die Erkenntnisse, die in den Nationalparks Deutschland nach der Invasion der Borkenkäfer und Stürmen wie Kyrill gesammelt wurden, helfen. Zum einen hat die Natur eine unheimliche Kraft, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

 

In den Nationalparks wurden die toten Bäume gegen den Druck der Öffentlichkeit stehen gelassen, was sehr wichtig war für die natürlichen Entwicklung. „Der Tourismus wurde totgesagt, und es war nicht einfach, den Leuten klarzumachen, dass man einfach nur Zeit und Vertrauen in die natürlichen Prozesse braucht“, sagt Bauling. Die Park-Verantwortlichen blieben hart – und die toten Bäume im Wald.

 

„Die Natur hat uns hier unseren menschlichen Bauplan – den eines reinen Fichtenbestandes – sehr kräftig um die Ohren gehauen und einen eigenen Plan entwickelt“, sagt die Nationalpark-Managerin.

Nach 20 Jahren steht an der Stelle der ehemals dunkelgrünen Fichtenbestände ein hellgrün und weiß leuchtender Jungwald aus Birken.

 

Auf Wirtschaftswaldflächen wird das Stehenlassen der toten Baummasse oft nicht umgesetzt. Dort werden die toten Bäume maschinell aus dem Gebiet entfernt. Damit ist der Boden und damit die Samen und entstehenden Jungpflänzchen Wind, Sonne und Regen viel stärker ausgesetzt und das bereits geschädigte Waldsystem wird durch menschliche und maschinelle Maßnahmen noch weiter geschädigt.

 

Starthilfe für gesunden Wald

Und dort, wo dies nicht möglich ist, können wir mit sogenannten Initialpflanzungen heimischer Mischwälder nachhelfen. Dabei ist eine große Vielfalt entscheidend. Angefangen von Pionierpflanzen wie Birke, Holunder, Weißdorn, Vogelbeere und Zitterpappel und später anderen Arten wie Linde, Buche – der vormals vorherrschende Baum – Eiche und Ahorn (und viele Arten mehr), die im Schatten der ersten Pionierpflanzen heranwachsen, entsteht ein natürlicher Klimawald. Er braucht keine neuen standortfremden Sorten. Sondern eine gute Mischung und einen gesunden Boden sowie genügend Wasser, das durch ein bewusstes Wassermanagement im Wald erreicht werden kann.

 

„Die Pionierbaumarten bereiten den Weg für den späteren Wald vor“, sagt Hinrich Matthes, Waldökologe. „Nach ein paar Jahrzehnten brechen sie zusammen und machen den Weg frei für den neuen Wald, der in ihrem Schutz herangewachsen ist: Eiche, Buche und Ahorn dominieren dann die neuen Wälder.“ Allein im Harz wurden seit 2008 über sechs Millionen Laubbäumchen gesetzt.

 

Wichtigste Aufgabe des Waldmanagements

Ein Oberförster aus Brandenburg, der die Verantwortung über 23.000 Hektar vorwiegend Kiefernwald inne hat, meint, dass die wichtigste Aufgabe der Forstwirt:innen im Aufbau eines ökologisch stabilen und damit auch klimaresilienten Waldes besteht. „Die Zahl der produzierten Festmeter Holz ist zunehmend kein geeignetes Maß mehr dafür, wie erfolgreich man ist“, so der Förster.

 

Unser pro.earth.Fazit:

Der Aufbau eines solchen zukunftstauglichen Waldes birgt gerade für kleinere Grundeigentümer:innen ein großes finanzielles Risiko. Es erfordert Mut und Weitsicht und ein Denken über Generationen hinweg. Es bleibt zu beobachten, inwiefern die Staaten bereit sei werden, dies monetär abzugelten, mancherorts passiert dies bereits und man erhält für nachhaltiges Forswirtschaften eine Prämie.

Wir sollten diese Krise als Chance nutzen und einen naturnahen gesunden Wald entstehen lassen, indem wir der Natur Platz und Zeit geben und nur dort, wo es wirklich Sinn macht, eingreifen und nachhelfen. Und nicht, wie leider vielfach auch zu beobachten ist, die nächsten Monokulturen mit anderen Baumarten an die Stelle der ehemaligen Fichtenplantagen aufforsten. Nutzen wir die Chance.